Gouverneur von Gaza-Stadt sagt

"Tausende sind auf der Flucht"

Abdallah Frangi hat die Belange der Palästinenser in den 70ern auch in Bonn vertreten.

JERUSALEM. Abdallah Frangi, Gouverneur von Gaza-Stadt, über die Situation nach Israels Bodenoffensive.

Nach zehntägigem Beschuss aus der Luft ist die israelische Armee zur Bodenoffensive übergegangen. Wie erleben Sie die Gefechte?
Abdallah Frangi: Alle haben fürchterliche Angst, die Familien, die Kinder, denn nach jedem Angriff erbebt die ganze Nachbarschaft. Man spürt die Flugzeuge und die Raketeneinschläge überall. Tausende Menschen sind auf der Flucht, es gibt immer mehr Tote und Verletzte unter den Palästinensern. Und es gibt keine Gewissheit, dass man jetzt bald einen Waffenstillstand haben könnte. Es ist das Schlimmste, was ich jemals in Gaza erlebt habe.

Verstehen Sie, dass die Hamas dem ersten Vermittlungsversuch für einen Waffenstillstand nicht zugestimmt hat?
Frangi: Die Hamas hat ihn nicht abgelehnt, sondern sie will klare Antworten haben, wie es mit der Entwicklung des Gaza-Streifens weitergeht. Es gibt Forderungen: Dass palästinensische Gefangene freigelassen werden, dass die Belagerung von Gaza beendet wird, dass der freie Zugang Gazas zur Außenwelt garantiert wird. Das wollen alle Menschen hier, um den Waffenstillstand akzeptieren zu können. Die Palästinenser können nicht weiter belagert und kontrolliert werden von den Israelis. Sie müssen ihren eigenen Staat bekommen, und die Zweistaatenlösung ist die einzige Möglichkeit, wie wir einen Weg zum dauerhaften Frieden haben können.

Hat Palästinenserpräsident Abbas auf die Hamas eingewirkt, dass sie dem Waffenstillstand zustimmt?
Frangi: Abbas hat mit dem Stellvertreter der Hamas in Kairo gesprochen und sie haben Gespräche geführt. Man bleibt jetzt in Kontakt, und wir hoffen, dass irgendwann mal die Eskalation zu einem Ende kommt.

Sie sind von Abbas zum neuen Gouverneur von Gaza-Stadt ernannt worden, für die Fatah. Was sind Ihre Aufgaben?
Frangi: Ich versuche, so viel wie möglich zu helfen - dass Medikamente zu den Krankenhäusern kommen, Kontakte zur Außenwelt wiederhergestellt werden und dass vor allem die Gespräche zwischen den Palästinensern intensiviert werden, damit wir die Einheit festigen können.

Seit 2007 waren die Fatah-Gouverneure im Gaza-Streifen abgesetzt. Heißt das, das Versöhnungsabkommen zwischen der Fatah und der Hamas hat eine Chance, umgesetzt zu werden?
Frangi: Wir geben die Hoffnung nicht auf und arbeiten daran.

Wie sieht Ihre Kooperation mit der Hamas aus?
Frangi: Bis jetzt läuft es gut, es gibt keine Probleme mit der Hamas, aber es gibt auch keine richtigen Gespräche, weil ihre Mitglieder sich nicht öffentlich zeigen wollen.

Rechnen Sie damit, dass Israel den Gazastreifen besetzen will?
Frangi: Ich glaube nicht, dass sie das machen wollen oder können. Und ich hoffe, dass sie jetzt mit dieser aggressiven Politik aufhören und den Palästinensern die Chance geben, dass sie wie die anderen Völker auch leben können.

Benutzt die Hamas die eigene Bevölkerung als lebende Schutzschilde, indem sie sie aufruft, sich auf den Dächern den israelischen Angriffen auszusetzen?
Frangi: Wissen Sie, das ist lächerlich, auch dass man solche Aussagen wiederholt. Das ist nicht logisch und nicht akzeptabel. Es gab vielleicht einen Fall, wo die Menschen aufs Dach gegangen sind, weil sie hofften, nicht beschossen zu werden. Und das war nicht der Fall. Sie hatten auf die menschliche Reaktion der israelischen Piloten gehofft, die gab es aber nicht.

Zur Person

Abdallah Frangi (69) gehört der Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas an. Nach Bonn kam er in den 70er Jahren und blieb dort als Vertreter der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), später Leiter der Palästinensischen Generaldelegation. Anschließend war er Fatah-Vorsitzender in Gaza, bis die radikalislamische Hamas dort allein die Macht 2007 übernahm. Am 8. Juli ernannte Abbas Abdallah Frangi zum Gouverneur von Gaza-Stadt.