Rat der EKD

Streit um Familienpapier wird sachlicher

29.09.2013 BERLIN. Hätte das Theologische Symposium, zu dem der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Samstag in die reformierte Kirche am Gendarmenmarkt geladen hatte, die vernichtende Kritik an der Orientierungshilfe "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken" verhindern können?

Vielleicht. Sicher aber wirkt es beruhigend auf die protestantischen Gemüter vor der Novembersynode der EKD in Düsseldorf. Zumal es viel Kritik am Fehlen der Mitarbeit prominenter Theologen an der umstrittenen Schrift gegeben hat, zumal den "Lehrern der Theologie" im Protestantismus eine große Rolle zukommt.

Auf dem Podium des Symposiums unter der Moderation des Vorsitzenden der EKD-Kammer für Theologie, Christoph Markschies (Berlin), saßen die Dogmatiker Wilfried Härle und Klaus Tanner (beide Heidelberg) sowie die Neutestamentler Wilhelm Horn (Mainz) und Christine Gerber (Hamburg). Im Publikum waren zahlreiche Bischöfe, von Ottfried July (Württemberg) bis Markus Dröge (Berlin-Brandenburg). Schnell zeigte sich, dass die evangelische Kirche ihr sola scriptura (allein die Schrift) klären muss, wie Markschies anmahnte. Hier geht es nicht um einen theologischen Begriff, sondern um ein Glaubensfundament: Die evangelische Kirche glaubt nicht an die Bibel, sondern an Jesus Christus.

Doch dieser erschließt sich durch die Bibel. Soll heißen, festgefügte Begriffe wie etwa die Ehe dürfen nicht einfach aus der Vergangenheit übernommen werden, sondern müssen auf Jesu Forderungen wie Gerechtigkeit und Liebe hin überprüft werden.

EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider, wegen der Orientierungshilfe (OH) in heftiges protestantisches Gewitter geraten, wehrte sich: Die Kirche könne nicht an den grundlegenden Veränderungen des Zusammenlebens in Ehe und Familie vorübergehen. Viele Menschen seien der EKD für ihr mutiges Wort dankbar. Von einer Rücknahme der OH wollte denn auch keiner der Professoren etwas wissen, denn eine Hilfe könne man nicht zurücknehmen. Zur Novembersynode der EKD soll ein Textheft erscheinen, das auch die kritischen Stimmen enthält.

Theologen wie Härle und Tanner fordern mehr theologische Schärfe für Institutionen wie etwa die Ehe. Horn hätte sich mehr Werbung für die Ehe gewünscht: "Die Anerkennung anderer partnerschaftlicher Lebensformen muss in keiner Weise damit verbunden werden, dieses Leitbild (der Ehe) in Frage zu stellen." Christine Gerber erhielt den meisten Beifall: "Welche Lebensformen dem biblischen Beziehungsethos entsprechen, ist nicht zeit- und kulturübergreifend zu sagen. Mit veränderten gesellschaftlichen Strukturen und anthropologischen Auffassungen hat sich auch das christliche Verständnis von Lebensformen längst gegenüber den nicht einhelligen Konzepten von Ehe und Familie in der Bibel verändert."

Der Streit um die Orientierungshilfe ist durch das Theologische Symposion erheblich versachlicht worden. Der EKD-Ratsvorsitzende fühlte sich am Samstag - bei aller sachlichen Kritik - bestätigt. Schneider: "Wir brauchen eine Neubesinnung und Fundierung der Arbeit der evangelischen Kirche mit den neuen vielfältigen Formen und Familien." (K. Rüdiger Durth)