Kommentar über das weltweite Artensterben

Stille Katastrophe

Das undatierte Handout zeigt Fische am Great Barrier Reef, an der Küste von Queensland, Australien.

Das undatierte Handout zeigt Fische am Great Barrier Reef, an der Küste von Queensland, Australien.

Bonn. Die Artenvielfalt, von der wir abhängen, schwindet durch den Menschen immer schneller. Es braut sich ein ökologisches Armageddon zusammen, kommentiert GA-Redakteur Wolfgang Wiedlich.

Für den modernen Menschen kommt ein Großteil seiner Nahrung aus der Tiefkühltruhe und der Strom dazu aus der Steckdose, und bei manchem Klassenausflug fragen Schüler Förster, ob das Reh die Frau vom Hirsch sei. Da kann es kaum erstaunen, wenn dramatisches Insektensterben nur Schulterzucken auslöst. Selbst die staatlichen Forschungsförderer haben das große Ganze längst aus den Augen verloren.

So stehen die Taxonomen inzwischen selbst auf der Roten Liste – jene Forscher, die Arten bestimmen können; letztere sterben so still und leise wie die Grundlagen für biosystematisches Wissen an den Universitäten. Wer um seine Wettbewerbsfähigkeit kämpft, lenkt Forschungsmillionen Richtung Gentechnik und Digitalisierung und vieles mehr, was kurzfristig Fortschritt und Arbeitsplätze verspricht. Nicht nur Deutschland tickt so.

Klimawandel beschleunigt den Artensterben

Dass ein ehrenamtlicher Verein aus Krefeld es mit einer akribischen Langzeitzählung auf Rang 35 (von mehr als 10 000) der weltweit gefragtesten Studien brachte, ist bezeichnend. 2017 hatte dieser Verein berichtet, dass die Insektenmasse seit 1989 um fast 80 Prozent zurückgegangen sei. Da fiel es auch Laien auf: Stimmt, die Autofrontscheiben waren – wie von Geisterhand – insektenleichenfrei. Das brachte die Bienen sogar in den Koalitionsvertrag. Der Bürger lernte: Wenn Insekten als Bestäuber und als Nahrung wegfallen, wanken ganze Ökosysteme.

Die Leistungsfähigkeit der ökologischen Vitalität des Planeten sinkt in dem Maße, wie die Artenvielfalt schrumpft. Das bedeutet, von allem künftig weniger, etwa Selbstreinigung bei Böden und Gewässern, Bestäubung, Nahrungssicherheit, unbekannte pharmakologisch wirksame Substanzen. Da alles mit allem zusammenhängt, beschleunigt der Klimawandel das Artensterben.

Ökologisches Armageddon

Es braut sich ein ökologisches Armageddon zusammen, das zu verhindern ein ähnlicher Herkulesakt wäre wie der Klimaschutz. Denn mit der Rettung der Honigbiene ist es nicht getan. Auch nicht mit einem Blühstreifen an einem Monokultur-Acker. Es geht um die schlichte Einsicht, dass grenzenloses Wachstum auf einem endlichen Planeten eine Fata Morgana bleibt.

Ein wirkungsvoller Schritt wäre in Europa eine neue Agrarpolitik. Weniger Pestizide, weniger Antibiotika, weniger Gülle durch weniger Massentierhaltung. Da mag der Preiswert-Grillfreund zucken, aber es geht eben um mehr – um das Gemeinwohl, wozu auch künftige Generationen gehören. Leider wirkt dieses Argument in der Politik nur, wenn Lobbyisten fehlen. Etwa bei einer Masern-Impfpflicht.