Interview mit Gebärdendolmetscher

So wird Musik für Gehörlose übersetzt

Thorsten Rose übersetzt verschiedene Lieder in Gebärdensprache.

Thorsten Rose übersetzt verschiedene Lieder in Gebärdensprache.

Köln. Der Kölner Gebärdendolmetscher Thorsten Rose übersetzt Musik für Gehörlose bei Konzerten und im Fernsehen. Warum er nicht Wort für Wort übersetzt und wie der Prozess funktioniert, erklärt er im Interview.

Thorsten Rose macht in seinem Job das Unmögliche möglich: Er übersetzt Musik für Menschen, die nicht hören können. Etwa im Fernseh-Livestream für den deutschen Vorentscheid des Eurovision Song Contests oder an diesem Dienstag und Mittwoch im Kölner Palladium mit AnnenMayKantereit. Mit Viktor Marinov hat der 36-Jährige über seinen Job gesprochen.

Sie nennen Ihre Arbeit eine Performance. Ist das reines Dolmetschen oder etwas ganz anderes?

Thorsten Rose: Ich bin einer derjenigen, die die Ansicht vertreten, das ist eine Performance, das ist keine Verdolmetschung des Textes. Für eine Verdolmetschung müsste ich tatsächlich wissen, was der Künstler mit dem Text erreichen will. Die Möglichkeit habe ich aber bei einer Musik-Performance nicht immer. Das heißt, ich muss interpretieren und dabei meinen Gefühlen Ausdruck verleihen.

Es geht also nicht nur nach dem Gefühl des Künstlers, sondern auch nach Ihrem?

Rose: Muss es zwangsläufig. Es sei denn, ich komme an den Künstler ran und kann mit ihm im Vorfeld das Ganze durchsprechen, und er sagt mir, was sein Anstoß war, diesen Text so zu verfassen und so zu singen, wie er es getan hat. Das geht aber nur mit kleineren Bands. Die meisten Künstler verraten nicht wirklich, was ihre Intention war. Solange das nicht passiert, gebe ich das weiter, was es mit mir macht.

Sie übersetzen also nicht Wort für Wort?

Rose: Nein, ich orientiere mich an der deutschen Gebärdensprache, die eine eigenständige Grammatik hat und recht bildhaft ist. Sie bedient sich eines dreidimensionalen Raums – der sogenannte Gebärdenraum. Der geht von der Stirn bis zum Bauch und ist nach vorne hin relativ weit offen. Die Gebärdensprache braucht Bewegungen.

Sie erschaffen aus Gebärdensprache und Musik etwas Neues?

Rose: Ja. Das ist das, was ich die Performance nenne.

War Musik für Sie schon in der Kindheit wichtig?

Rose: Musik hat in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt. Meine Eltern sind gehörlos, deswegen war Musik ganz selten vertreten zu Hause und war für mich ein Zufluchtsort als Kind. Sie hat auch schon immer viel mit mir gemacht. Das Konzert-Dolmetschen fing damit an, dass mich meine Frau irgendwann beim Fernsehgucken fragte, warum ich so fasziniert sei von dem Lied. Irgendwann habe ich angefangen, für sie die Musik zu übersetzen. Ich wollte ihr zeigen, was das mit mir macht.

Wie funktioniert dieser Prozess?

Rose: Das Erste, was ich mache, ist, mir die Musik anzuhören. Ich setze mich in einen geschlossenen Raum und lasse die Musik auf mich wirken. Der nächste Schritt ist es dann, zu überlegen, wie ich das gebärdensprachlich umsetzen kann. Wenn ich eine Antwort darauf gefunden habe, ist meine Frau als gehörlose Person die erste Ansprechpartnerin. Sie sieht das fertige Produkt von mir und gibt mir wieder, was sie davon verstanden hat. Anschließend geht es natürlich zu weiteren Personen.

Wie oft hören Sie dann ein Lied?

Rose: Bis zum Erbrechen. Allerdings ist der erste Eindruck das Wichtigste. Nach dem ersten Hören mache ich einen Cut und versuche mit mir auszutüfteln, was hat es jetzt mit mir gemacht.

Wie viel Ahnung muss man von Musik haben für Ihren Job?

Rose: Ich selbst habe keine musikalische Ausbildung. Ich kann mir vorstellen, dass es förderlich sein kann. Aber letztendlich muss ich nicht wissen, welche Noten gerade gespielt werden. Für mich ist wichtig, wie es sich anfühlt. Ein Mensch, der Gefühle zeigt, kann nie was falsch machen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, wenn man seinen Gefühlen freien Lauf lässt.

Sind Gebärdendolmetscher für Konzerte in Deutschland rar?

Rose: Wir sind noch wirklich komplett in den Kinderschuhen. Immer mal wieder werden Dolmetscher auf die Bühne gestellt. Seit etwa zwei Jahren sind wir dabei, das Ganze zu professionalisieren. Wir versuchen, Standards ins Leben zu rufen und Voraussetzungen für eine gute Performance zu finden. Es geht um Fragen wie: Soll man bei Konzerten zu zweit auftreten? Wie können wir die tauben Performer einbinden? Wir wollen das perfektionieren. Letztendlich geht es uns darum, für die gehörlosen Konzertbesucher ein tolles Erlebnis zu machen.