Bundestagswahl 2017

So stehen die Chancen für Angela Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Bonn. Bundeskanzlerin Angela Merkel genießt in der Weltpolitik hohes Ansehen – in Ostdeutschland ist sie jedoch Hassobjekt. In der Welt da draußen hat sich Merkel mit dem neuen mächtigsten Mann der Welt, Donald Trump, irgendwie arrangiert.

Wahlkampf ist Nahkampf, ist Schweiß, ist Beschimpfung bis hin zur Beleidigung. Der Rosengarten des Weißen Hauses, wo ein gewisser Barack Obama einer gewissen Angela Merkel im Sommer 2011 die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung der USA, verliehen hat, ist in diesen Tagen und Wochen weit weg.

Die große Bühne der Welt da draußen hat Merkel jetzt gegen die große Bühne in Deutschland getauscht. Bitterfeld, Finsterwalde, Torgau, Wismar, Schwerin. Vor allem im deutschen Osten wird Merkel gnadenlos ausgepfiffen, mit Tomaten beworfen. Die rechte AfD wie auch die rechtsextreme NPD schicken ihre Bodentruppen. Trillerpfeifen und Dauergeschrei: „Merkel muss weg.“

Obama, der erste schwarze US-Präsident mit afrikanischen Wurzeln, zählt hier nicht. Wie hatte Obama bei seinem letzten Deutschland-Besuch als US-Präsident im November vergangenen Jahres noch gesagt? „Wenn ich Deutscher wäre, wäre ich Merkel-Anhänger.“ Im sächsischen Torgau wollen sie davon nichts hören.

„Merkel muss weg, Merkel muss weg“, schreien sie dem Auto der Bundeskanzlerin hinterher. Warum? „Zu viele Verbrechen.“ Was besser werden muss? „Grenzen dicht. Die ganzen Afrikaner müssen raus“, sagt ein etwa 60-jähriger Sachse, der seinen Namen nicht in der Zeitung geschrieben sehen will. „In der DDR waren wir am Abgrund. Jetzt sind wir schon einen Schritt weiter.“

Merkel schlägt Hass auf ostdeutschen Marktplätzen entgegen

Merkel hört die Pfiffe, die Buh-Rufe, sie spürt den Hass, der ihr auf ostdeutschen Marktplätzen entgegenschlägt. Diese Woche in Wismar und Schwerin haben sie Merkels Wahlkampfauftritte von den Marktplätzen in zwei Hallen verlegt. „Merkel muss weg.“ Im Zweifel auch vor Gericht, wie es AfD- und NPD-Anhänger immer wieder fordern.

Obama hatte ihr noch ein Zeugnis mit Bestnote ausgestellt: „Das ist die wichtigste, die vertrauensvollste Beziehung, die ich in meiner Amtszeit gehabt habe.“ Merkel hatte daraufhin eher kühl reagiert. Nun gut, sie seien doch alle Berufspolitiker. Und Demokratien lebten vom Wechsel. Mit dem Unterschied: Die Amtszeit eines US-Präsidenten ist auf acht Jahre begrenzt. Merkel geht in diesem Herbst oder Winter womöglich in ihre vierte Amtszeit. Merkel, die Vierte – Jahre einer Kanzlerin.

Merkel steht mittlerweile am Ende des zwölften Jahres ihrer demokratischen Regentschaft. Sie hat es weit gebracht: von der promovierten Physikerin aus der ostdeutschen Provinz, aufgewachsen im autoritären Regime der DDR, zur inzwischen mächtigsten Frau der Welt. Merkel ist Pragmatikerin und Mechanikerin der Macht durch und durch.

Nach innen wie nach außen. An G20-Konferenztischen ebenso wie in der Koalition oder im Vorstand der CDU. Die Männerpartei CDU hat über die Jahre erfahren müssen, dass die heute 63 Jahre alte Protestantin mit Wahlkreis Vorpommern-Rügen/Vorpommern-Greifswald über ein beachtliches Stehvermögen verfügt und sehr hart austeilen kann, auch wenn sie es geschickt versteht, nach außen hin dieses Bild zu vermeiden.

Friedrich Merz, Christian Wulff und Roland Koch, den die Parteichefin bei einem CDU-Parteitag – Freud'scher Versprecher? – einmal als „Roland Kotz“ ankündigte, haben Merkels Entschlossenheit zu spüren bekommen. Sie war die Erste in der CDU, die sich 2000 im Zuge der Spendenaffäre von Übervater Helmut Kohl distanzierte, und dies auch ihrer Partei empfahl. Mit Kohls Kurzzeit-Nachfolger Wolfgang Schäuble pflegt Merkel ein professionelles Zweckbündnis.

In der Welt da draußen hat sich Merkel mit dem neuen mächtigsten Mann der Welt, Donald Trump, irgendwie arrangiert. Merkel hat in den Jahren gelernt, die sehr unterschiedlichen Egomanen an der Spitze von Staaten und Regierungen zu nehmen und manche davon unmerklich zu lenken: einst den hibbeligen Nicolas Sarkozy ebenso wie den eitlen Silvio Berlusconi, die beide mittlerweile politisch Geschichte sind.

Der breitbeinige Wladimir Putin, der seinen Labrador an Merkel schnuppern ließ, wohl wissend, dass die deutsche Regierungschefin Angst vor Hunden hat, respektiert Merkel zumindest, was bei Putin schon viel ist. Die Arbeitsatmosphäre mit dem Autokraten Recep Tayyip Erdogan ist aktuell knapp vor dem Gefrierpunkt. Die Telefone funktionieren noch.

Eine vierte Amtszeit könnte Merkels schwierigste werden

Merkel hat der Fotografin Herlinde Koelbl für deren Band „Spuren der Macht“ einmal gesagt: „Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. Dann will ich kein halbtotes Wrack sein.“ Das ist mittlerweile 20 Jahre her. Merkel wirkt nicht im Ansatz wie ein Wrack, obwohl ihr Programm brutal ist.

Die Euro-Krise mit durchverhandelten Nächten in Brüssel hat Kraft gekostet, noch mehr die Flüchtlingskrise, die sie, wenn die Dinge anders gelaufen wären, auch ihre Kanzlerschaft hätte kosten können. Erstmals überhaupt stellten sich große Teile ihrer eigenen Partei und die CSU nahezu komplett gegen sie. Jahre einer Kanzlerin, die sich verbraucht hat und plötzlich allein auf sich gestellt ist. In solchen Momenten wirkt es so, als wäre der prächtig blühende Rosengarten des Weißen Hauses unter einer Eisdecke erfroren.

Auszeiten hat Merkel in der Nähe von null. Einmal im Jahr wandert sie – nach ihrem obligatorischen Besuch bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth – für wenige Tage mit Ehemann Joachim Sauer und unter Führung von Bergsteigerlegende Reinhold Messner in Südtirol. Einmal im Jahr gibt sie auch ein Kochrezept weiter, zuletzt Kartoffelsuppe, was Bodenständiges eben. Was sie antreibt, weiter zu machen? Neugier, wie sie im vergangenen November ihre Motivation für eine vierte Amtszeit beschrieben hat. Kann man ihr das abnehmen? Oder wollte sie schlicht nicht als irgendwie gescheiterte Flüchtlingskanzlerin abtreten?

Vier volle Jahre wolle sie weitermachen, hat Merkel den Wählern versprochen, sollte sie denn wieder eine Mehrheit erhalten – und ihre Gesundheit mitmachen. Eine vierte Amtszeit könnte ihre schwierigste werden – sie muss ihren Weg nach draußen finden. Letzte Ausfahrt für einen selbstbestimmten Ausstieg aus der Politik.

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