GA-Interview

Schulministerin Gebauer möchte keine Lehrerschwemme produzieren

Bonn. Inklusion, Lehrermangel, Rückkehr zu G9 – die nordrhein-westfälischen Schulen sind mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Seit Juni 2017 kümmert sich Schul- und Bildungsministerin Yonne Gebauer (FDP) um ihre Belange.

Frau Gebauer, Sie sind die erste NRW-Schulministerin seit den 1960er Jahren, die vorher keinen Lehrerberuf ausgeübt hat. Wie erleben Sie das?

Yvonne Gebauer: Ich mache Bildungspolitik seit 13 Jahren. Ich glaube, dass ich aufgrund der langjährigen Zugehörigkeit zum Thema Bildung genug Erfahrung mitbringe. Manchmal ist der Blick von außen auch ganz hilfreich.

Wird Ihnen vorgehalten, dass ihnen der „Stallgeruch“ fehlt?

Gebauer: Überhaupt nicht. Eher wird mir Pragmatismus nachgesagt: mal jemand, der nicht die Scheuklappen aufhat, sondern in neue Richtungen denkt.

Wo sehen Sie derzeit die größten Baustellen im Schulbetrieb?

Gebauer: Die Inklusion ist keine Baustelle, aber eine große Herausforderung für die Schulen in NRW. Sicherlich auch die Themen Integration und Migration. Wir haben knapp 90.000 Kinder in der Deutschförderung, der größte Teil davon ist 2015 und 2016 zu uns gekommen. Sie sind damals auf alle Schulformen verteilt worden, weil es so viele waren. Jetzt besteht die Herausforderung darin, wie wir mit diesen Kindern nach zwei Jahren umgehen, wenn sie die Vorbereitungsklassen verlassen.

Die alte Landesregierung hat den Abbau von Förderschulen beschlossen. Sie haben das gestoppt. Planen sie, Förderschulen wiederzueröffnen?

Gebauer: Das Ziel der Landesregierung war und ist es, Förderschulschließungen zu verhindern. Dafür haben wir die Mindestgrößenverordnung bis 2019 ausgesetzt und erarbeiten derzeit eine praktikable moderne neue Verordnung. Eine Untergrenze muss es für Schulen geben, weil es eine Mindestzahl an Schülern braucht, um eine Schule sinnvoll betreiben zu können. Ich möchte ein flächendeckendes Förderschulangebot aufrechterhalten. Noch gibt es zu viele weiße Flecken auf der Karte von NRW. Um diese zu verkleinern, planen wir Förderschulgruppen an Regelschulen zu etablieren, wenn es in der Umgebung keine Förderschulen mehr gibt und auch keine eröffnet werden sollen. Letzteres entscheiden ja die Kommunen.

Das Konzept, alle in der Regelschule zu unterrichten, ist also gescheitert?

Gebauer: Inklusion ist ein Menschenrecht und wir werden den eingeschlagenen Weg weitergehen. Aber es muss dennoch dringend umgesteuert werden in Bezug auf das Tempo und die Qualität. Wir brauchen ein flächendeckendes Förderschulangebot, weil es immer Kinder geben wird, die diesen geschützten Raum brauchen.

Schrumpft die Akzeptanz der Inklusion an den Regelschulen durch die Idee der Förderschulgruppen?

Gebauer: Ich hoffe, dass sie dadurch steigt. Die Akzeptanz hat zuletzt sehr gelitten, weil von der Vorgängerregierung ein ideologisches Konzept übergestülpt worden ist, von dem alle Beteiligten im Vorfeld bereits gesagt haben, dass so Inklusion nicht funktionieren kann.

Was wird gegen den Mangel an sonderpädagogischem Personal unternommen?

Gebauer: Wir reformieren die berufsbegleitende Fortbildung 'VOBASOF'. Wir haben mit dem Wissenschaftsministerium vereinbart, dass es 250 neue Studienplätze für das Lehramt Sonderpädagogik geben soll. Die Hochschulen beschließen gerade, wo welche Angebote gemacht werden. Aber wir gehen auch den Weg der Unterstützung durch multiprofessionelle Teams. Darin sind beispielsweise Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter. Hierfür haben wir im Haushalt 2018 zusätzlich 330 Stellen geschaffen.

250 neue Studienplätze klingt eher wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Wie viele werden denn tatsächlich gebraucht?

Gebauer: Wir sind erst einmal dankbar, dass es gelungen ist, diese Studienplätze zu schaffen. Natürlich wäre ich glücklich darüber, wenn die Hochschulen weitere Plätze einrichten könnten. Generell möchte ich aber auch keine neue Lehrerschwemme produzieren, deswegen haben wir eine Lehrerbedarfsprognose erstellt, die diese Woche vorgestellt wird. Die letzte war von 2011.

Manche Bundesländer behelfen sich mit Quereinsteigern beim Lehrermangel. Wäre das zur Überbrückung etwas für NRW?

Gebauer: Wir haben Seiteneinsteiger in allen Schulformen, besonders stark am Berufskolleg. Für das Fach Englisch haben wir zum Start des Schuljahres den Seiteneinstieg an der Grundschule geöffnet, zusätzlich zu Musik, Kunst und Sport. Aber der Personalrat hat deutlich zu verstehen gegeben: Das ist die letzte Maßnahme für den Seiteneinstieg an Grundschulen. Dennoch sind auch hier die Zahlen entscheidend: Wir hatten 2017 insgesamt knapp 800 Seiteneinsteiger, nur rund zehn Prozent aller neu besetzten Lehrerstellen.

Geld spielt in vielen Bereichen eine Rolle, auch was Gebäude und Räumlichkeiten angeht. Gibt es Hoffnung, dass Ihr Etat deutlich aufgestockt wird?

Gebauer: Ich bin beim letzten Mal schon ordentlich bedacht worden. Der Haushalt des Schulministeriums beträgt über 18 Milliarden Euro. Gleichwohl habe ich natürlich mehr Ideen im Kopf, als ich derzeit Gelder zur Verfügung habe. Das Land wird die Kosten der Kommunen, die unzweifelhaft durch die Umstellung auf G9 entstehen, tragen. Diese entstehen zum Beispiel durch den zusätzlichen Raumbedarf. Köln und Düsseldorf brauchen beispielsweise beide um die 150 neue Klassenräume. Wir haben ein Prognosegutachten in Auftrag gegeben, das ermitteln soll, wie hoch die Kosten der Kommunen sein werden.

Die Bauträger der Schulen sind die Kommunen. Wie werden Sie diese unterstützen?

Gebauer: Ich habe gleich zu Beginn gesagt, dass mit der Umstellung zu G9 natürlich Kosten entstehen werden und dass das Land durch seine Leitentscheidung diese Kosten auch zu tragen hat.

Zu 100 Prozent?

Gebauer: Das Land wird die Kosten tragen, die wir durch unsere Leitentscheidung verursachen. Dazu warten wir jetzt einmal das Gutachten ab. Es gibt auch Faktoren, die nicht in der Verantwortung des Landes liegen, falsche Prognosen der Geburtenzahlen, zum Beispiel, oder die starke Zuwanderung der letzten Jahre.

Haben Sie mit der klaren Entscheidung der Schulen für G9 gerechnet?

Gebauer: Ja. Ich habe immer gesagt, dass es sich ähnlich entwickeln wird wie in Hessen. Dort sind über 90 Prozent zu G9 zurückgekehrt.

Ist G8 ein Auslaufmodell?

Gebauer: Nein, die Schulen, die G8 unter schwierigen Bedingungen bestmöglich umgesetzt haben, will ich nicht bestrafen, sondern ihnen die Möglichkeit geben, entsprechend weiterzuarbeiten. Dazu wird es ein unkompliziertes Verfahren geben. Die Schulkonferenzen werden nach den Sommerferien diese Entscheidung treffen können.

Werden G9-Schulen Profilklassen einrichten können?

Gebauer: An diesem Konstrukt arbeiten wir, damit G8 in G9 möglich sein wird. Wir nennen das Konzept „Gruppenspringen“, damit leistungsstarke Schülerinnen und Schüler auch an einem neunjährigen Gymnasium in acht Jahren zum Abitur kommen können

In Rheinland-Pfalz werden G8-Gymnasien massiv gefördert. Wäre das ein Modell für NRW?

Gebauer: Wir haben im Koalitionsvertrag festgelegt, dass wir die G8-Gymnasien gut unterstützen wollen. Dazu brauchen wir Personal, Ressourcen und weitergehende Unterstützung.

Sie setzen teilweise schon Gymnasiallehrer an Grundschulen ein. . .

Gebauer: Wir haben die kuriose Situation, dass wir in der Grundschule 1000 Stellen nicht besetzen konnten, aber in der Sekundarstufe II einen großen Überbedarf haben. 2400 Lehramtsanwärter der Oberstufe habe ich deshalb angeschrieben, ob sie sich vorstellen könnten, zwei Jahre an der Grundschule zu unterrichten, um dem Mangel zu begegnen. Im Gegenzug garantieren wir ihnen im Anschluss einen Platz an einer weiterführenden Schule zu bekommen. Über 170 Bewerbungen hatten wir, knapp 80 Verträge haben wir bis jetzt in diesem laufenden Verfahren abgeschlossen.

G8/G9 steht symbolisch dafür, wie sehr in den Schulen experimentiert wird. Wie lange können Schulen diese Strapazen noch durchhalten? Welche Ideen haben Sie, damit in ein paar Jahren nicht wieder alles umgestellt wird?

Gebauer: Mein oberstes Ziel ist es, Ruhe in die Schulen zu bringen. Trotzdem muss man sich mit den Haupt- und Sekundarschulen befassen. Viele Hauptschulen sind durch die Kommunen auslaufend gestellt, an vielen Sekundarschulen sind die Anmeldezahlen nicht ausreichend. Hier müssen wir eine Debatte in den nächsten Monaten führen.

Manche Eltern, die mit Kindern durch mehrere Bundesländer gezogen sind, möchten gerne, dass Schulpolitik Bundessache wird. Welche Argumente sprechen aus ihrer Sicht dagegen?

Gebauer: Die Eltern möchten nicht, dass Schulpolitik von Berlin aus gemacht wird, sie möchten einheitliche Standards vorfinden und dass ihre Kinder, egal ob in NRW oder in Bayern, problemlos nach einem Umzug in die Schule gehen und ihren Abschluss machen können. Sie wollen Vergleichbarkeit und Durchlässigkeit zwischen den Bundesländern. Das ist eine der drängenden Aufgaben der Kultusministerkonferenz.

In der Region sind in den letzten Jahren viele Schulen entstanden, die nun zu wenige Anmeldungen haben – müsste das Land hier nicht stärker regulierend eingreifen?

Gebauer: Ich bin ein großer Verfechter von regionaler Zusammenarbeit. Nicht jeder sollte nur bis zur Stadtgrenze denken. Inwieweit man die Kommunen dazu mehr verpflichten kann, ist die große Frage. Die Schulentwicklungsplanung ist kommunale Hoheit. Fest steht: Wir müssen in einen Dialog kommen.

Spielt die Kopftuchdebatte an Schulen eine Rolle?

Gebauer: Ich habe weder vor noch seit der Debatte Rückmeldungen seitens der Schulen bekommen, dass Kopftücher ein größeres Problem wären. Das ist keine Debatte, die an der Schulgrundstücksgrenze beginnt – wir müssen sie vielmehr in der Gesellschaft führen.

Finden Sie es noch zeitgemäß, dass katholische und evangelische Schulen andersgläubige Kinder ablehnen dürfen?

Gebauer: Ich verfolge diese Debatte schon länger. In Bonn ist das ein Problem. Aus den anderen Landstrichen ist mir das in den vergangen Jahren nicht so stark widergespiegelt worden.

Sind antisemitische Vorfälle wie zuletzt in Berlin an Schulen in NRW ein Problem?

Gebauer: Derartige Fälle sind mir in NRW bisher nicht bekannt. Ich werde die Fälle in Berlin aber zum Anlass nehmen, die Schulleiter für das Thema noch einmal zu sensibilisieren.

Offene Ganztagsschulen sind ein Thema in ganz NRW. Bonn ist mit einer Deckungsquote von 65 Prozent Vorreiter. Trotzdem klagen die Träger über zu wenig Geld und schlechte Rahmenbedingungen. Wie kann das Land helfen?

Gebauer: Wir haben seit Amtsübernahme sehr viele Gespräche mit den Trägern geführt. Ich habe mich mit Familienminister Joachim Stamp zusammengetan, weil wir hier Hand in Hand arbeiten müssen. Die OGS betrifft Jugendhilfe und Schule gleichermaßen. Eine Arbeitsgruppe mit den freien Wohlfahrtsverbänden und den Mitarbeitern beider Häuser hat über Rahmenbedingungen, Qualität, Ausbau und so weiter beraten. Über die Ergebnisse werde ich im Mai mit Minister Stamp und den Beteiligten sprechen. Wir müssen uns überlegen, ob das Konzept der OGS von vor 14 Jahren noch zeitgemäß ist. Wie stehen die drei Stränge Betreuung, Bildung und Erziehung zueinander? Was brauchen die Familien? Ich glaube, dass man auch innovative Bildungs- und Betreuungskonzepte noch stärker in den Blick nehmen muss.

Wird ein Rechtsanspruch für Grundschulkinder auf einen OGS-Platz kommen? Was spricht dagegen, einen gebundenen Ganztag einzuführen?

Gebauer: Bei den Ganztags-Plänen der großen Koalition wurde viel versprochen, doch bisher tappen Länder und Kommunen in völliger Dunkelheit. Zwei Milliarden Euro in dieser Legislaturperiode, ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bis 2025 sind die Rahmendaten, aber alle anderen Fragen sind offen. Ich werde daher schnellstmöglich mit der zuständigen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey Kontakt aufnehmen, um dieses Vorhaben im Detail zu erörtern.

Die Schattenseiten der Digitalisierung gehören zum Alltag an Schulen. Inwiefern hat sich die Politik damit auseinander gesetzt?

Gebauer: Wir haben die zentrale Landesstelle für Cybermobbing ausgebaut. Aber darüber hinaus besteht noch viel Aufklärungs- und Diskussionsbedarf. Natürlich hat jede neue Technik und Entwicklung Chancen und Risiken. Die wollen und müssen wir beleuchten. Aber ich bleibe dabei: Digital first, Bedenken second. Das war das Motto der FDP im Wahlkampf und das teile ich. Wir dürfen nicht aufgrund von Schwierigkeiten, die es auch gibt, die Digitalisierung verteufeln. Dann würden wir das Kind mit dem Bade ausschütten.