Politik
Schach dem Kandidaten
Der Journalist Daniel Goffart präsentiert seine Peer Steinbrück-Biografie.
BERLIN. Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück findet es nicht ehrenrührig, dass er auf Briefpapier mit Ministertitel um Schach-Sponsoren warb.
Der Mann ist einfacher Abgeordneter. Er bekleidet aktuell kein weiteres Amt von politischer Relevanz. Meist nimmt er in einer Art von Understatement in Reihe sechs, sieben oder acht der Bänke der SPD-Fraktion im Bundestag Platz. Und doch sind über diesen Abgeordneten in jüngster Zeit drei Biografien veröffentlicht worden, zuletzt am Montag: Der Mann ist eben doch kein einfacher Abgeordneter. Er heißt Peer Steinbrück und war im letzten großen Amt Bundesminister der Finanzen. Geht es nach Daniel Goffart, Leiter des Berliner Büros des Nachrichtenmagazins "Focus", muss Steinbrück nächster SPD-Kanzlerkandidat werden, wenn, ja, wenn die SPD eine Chance auf den Wahlsieg haben will. Goffarts Werk heißt "Steinbrück. Die Biografie" (Heyne; ISBN: 978-3-453-20034-0). Und in mindestens einem Kapitel des insgesamt 334 Seiten starken und sehr lesenswerten Buches siegt der Journalist über den Biografen. Goffart deckt darin auf, was in diesen Tagen Schlagzeilen macht und den Kandidatenkandidaten noch in Erklärungsnot bringen könnte.
Man muss wissen: Steinbrück, der Denker und Stratege, liebt das Schachspiel. So sehr, dass der damalige Bundesminister der Finanzen 2006 nach Sponsoren suchte, um ein Schachturnier zwischen dem damaligen Weltmeister Wladimir Kramnik und dem weltweit leistungsstärksten Schachcomputer "Deep Fritz" an Steinbrücks Wohnort Bonn zu holen. Mit der Option: Der Privatveranstalter - eine in Dortmund ansässige Eventagentur - würde auch noch versuchen, die Schach-WM 2007 in der Bundesstadt am Rhein auszurichten, wenn sein Investment von einer Million Euro für den Kampf Kramnik gegen "Deep Fritz" wieder eingespielt würde.
Das Problem: Der Bund ist Großaktionär bei Post und Telekom. Und Steinbrück schrieb den damaligen Vorstandsvorsitzenden der ebenfalls in Bonn ansässigen Großkonzerne, Klaus Zumwinkel (Post) und Kai-Uwe Ricke (Telekom), mit der Bitte, die Veranstaltung zu sponsern. Der Beigeschmack: Steinbrück schrieb zwar nicht auf Briefpapier mit offiziellem Bundesadler, aber doch mit einem Briefkopf, auf dem unter seinem Namen der Titel "Bundesminister der Finanzen" gedruckt stand. Steinbrück selbst: "Ich habe nicht unter meinem Dienstsiegel geschrieben, sondern unter dem, was auch offiziell in Berlin Privatdienstbogen genannt wird." Buchautor Goffart glaubt zwar nicht, dass Steinbrück deswegen von seinen (Kandidaten-)Plänen lassen muss, schließlich "ist am Ende das Geld nicht gezahlt worden", aber eine Erklärung werde wohl doch fällig. Und auch Buchlaudator Wolfgang Kubicki (FDP) findet die Sache mit dem Briefkopf schlicht eine "Dummheit", doch der Gedanke, dass der spätere Abgang der Konzernchefs Zumwinkel und Ricke mit dem Druck des Bundesfinanzministers wegen eines verweigerten Sponsoring zu tun haben könnte, sei abwegig. Steinbrück selbst verteidigt sich: "Es kann ja nicht sein, dass sich Telekom und Post unter Druck gesetzt gefühlt haben - schließlich haben sie sich ja gegen ein Sponsoring entschieden." Er habe im Interesse der 300 Millionen weltweit aktiven Schachspieler nach Sponsoren für die Schach-WM in Bonn gesucht. "Darin kann ich nichts Ehrenrühriges erkennen", sagte Steinbrück der "Bild".
Dass Steinbrücks Schachzug, per Briefkopf mit Ministertitel ein Schachturnier von Weltrang an seinen Wohnort Bonn zu holen, den möglichen Kanzlerkandidaten gar aus dem Rennen werfen könnte, glaubt auch die liberale Konkurrenz nicht. Kubicki: "Ich selbst kann an dem Vorgang nichts Unkonventionelles, Unmoralisches Anrüchiges sehen." Vor allem aber glaubt Kubicki von seinem früheren Kollegen aus gemeinsamen Studentenzeiten folgendes: "Auch ich glaube, dass er Kanzler kann."