Gegen Syrien

Russland reagiert mit dosierter Empörung auf Luftschläge

Der Leuchtstreifen einer Flugabwehrrakete ist bei einem Luftangriff am Himmel über Damaskus zu sehen.

Der Leuchtstreifen einer Flugabwehrrakete ist bei einem Luftangriff am Himmel über Damaskus zu sehen.

Moskau. Die Regierung in Moskau versucht, nach dem Raketenangriff der USA, Frankreichs und Großbritanniens auf Ziele in Syrien die Deutungshoheit an sich zu reißen

Wladimir Putin gilt eigentlich als Langschläfer, der dazu einen Großteil des Vormittags Sport treibt. Aber am Samstag reagierte auch Putin grimmig und früh. „Ein Akt der Aggression gegen einen souveränen Staat, der sich ganz vorne befindet im Kampf gegen den Terrorismus“, schimpfte der russische Präsident schon um 10.35 Uhr. „Die USA vertiefen die humanitäre Katastrophe in Syrien noch, bringen der friedlichen Bevölkerung Leiden, begünstigen im Grunde die Terroristen.“

Seit dem frühen Samstagmorgen hagelt es böse Worte aus Moskau gegen Washington, London und Paris, die in der Nacht zuvor Ziele in Syrien mit Raketen attackiert hatten. Russland gibt sich empört, aber die Empörung wirkt doch dosiert. Scheinbar hat man insgeheim Schlimmeres gefürchtet. Außenamtssprecherin Maria Sacharowa sprach von einer „groben und unverschämten Verletzung des internationalen Rechtes.“ Russland beantragte eine Sondersitzung des UN-Sicherheitsrates, dort titulierte Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja den US-Präsidenten und seine Verbündeten als „internationale Rowdys“. Aber bei allem Drohen und Schelten signalisierte Moskau auch eine gewisse Friedfertigkeit. Der stellvertretende Außenminister Sergei Rjabkow erklärte, Russland bleibe an einer Zusammenarbeit mit dem Westen interessiert.

Einige staatliche TV-Kanäle hatten am Samstag sogar das Programm geändert. Rossija 1 strahlte direkt ein Briefing des Verteidigungsministeriums aus. Die Aussagen der Militärs, die Angriffe hätten keine russischen Positionen berührt und die russische Luftabwehr sei nicht an ihrer Abwehr beteiligt gewesen, vermeldeten Fernseh- und Radiosender als erste Hauptnachrichten. Offenbar war man erleichtert, nachdem in den Vortagen schon ein möglicher Weltkrieg gegen die USA debattiert worden war. Einige Medien hatten das Publikum sogar über das Leben in Luftschutzkellern belehrt.

Gleichzeitig versuchte Russland lautstark, die Deutungshoheit nach dem Angriff an sich zu reißen. Während die USA mitteilten, die syrische Luftabwehr habe keine einzige Rakete abgefangen, erklärte der russische Generalstab, von 103 abgefeuerten Flugkörpern seien 71 abgeschossen worden. Die russischen Staatsmedien entfachten eine triumphale Debatte über die Gründe für die „vernichtende Niederlage der USA“, wie Radio NSN jubelte. Der amerikanische Mythos über die eigene allgegenwärtige Dominanz sei jetzt endgültig zerfetzt worden, erklärte Wladimir Jermakow, Waffenkontrollexperte des Außenministeriums.

Aber auch russischen Experten ist klar, dass eine „symmetrische Antwort“ auf den Raketenangriff böse hätten enden können. Man werde zurückschießen, wenn bei einem vielleicht noch ausstehenden US-Angriff Geschosse auf russische Militärs flögen, sagt Adschar Kurtow, Chefredakteur der Zeitschrift „Problemy Nazianalnoi Strategii“ unserer Zeitung. Aber auch dann würde man zuerst versuchen, die US-Raketen zu vernichten, und nach Möglichkeit vermeiden, auf ihre Träger, also Schiffe und Flugzeuge zu schießen.

Trump scheint den Russen nicht geheuer zu sein, sie erwähnen jetzt eher vorsichtig diplomatische Offensiven etwa vor den Vereinten Nationen. „Der Informationskrieg entwickelt sich von selbst weiter“, sagt Kurtow. „Aber es wird hinter den Kulissen intensive Verhandlungen geben, um einen direkten militärischen Zusammenstoß zu vermeiden.“