Journalisten in der Türkei vor Gericht

Prozess gegen Erdogans alte Weggefährtin Nazli Ilicak startet

Nazli Ilicak.

Nazli Ilicak.

Istanbul. Sie steht für einen aufgeklärten Islam, für die Synthese zwischen Demokratie und Religion in der Türkei und war sogar Mitglied in Erdogans Partei AKP. Jetzt muss sich Journalistin Nazli Ilicak als mutmaßliche Putschistin vor Gericht verantworten.

Nazli Ilicak, 72 Jahre alt, verteidigte als Politikerin das Recht der Türkinnen auf das Kopftuch und als Journalistin den heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Sie kandidierte für Erdogans Partei AKP und vertrat mit ihrer westlichen Lebensweise, zu der auch ein abendliches Glas Wein gehörte, den liberalen Flügel der türkischen Islamisten. Doch das ist lange her – heute sieht Erdogan in Ilicak eine Verräterin. Nach elf Monaten Haft trat die Grand Dame der türkischen Islamisten jetzt in Istanbul vor den Richter.

Ilicaks Stern ging 1999 auf, als die erste Frau mit Kopftuch im türkischen Parlament auftauchte und von den Abgeordneten aus dem Saal gejagt wurde. „Hinaus, hinaus, hinaus“, skandierten die damaligen Regierungsfraktionen, bis die Politikerin Merve Kavakci den Saal verließ. Nur ein Parlamentsmitglied hatte den Mut, der jungen Frau zur Seite zu stehen. Das war Nazli Ilicak, damals Abgeordnete der islamistischen Tugendpartei. Das Bild der eleganten blonden Dame, die sich schützend neben das Kopftuchmädchen stellt, zählt zu den ikonischen Aufnahmen der neueren türkischen Geschichte.

„Das sind doch meine Weggefährten“, sagte die 72-Jährige kürzlich einem Anwalt und Abgeordneten, der sie ausnahmsweise besuchen durfte, über die AKP. „Das kann doch nicht sein, dass die im Parlament sitzen und ich als Terrorist im Gefängnis.“

Lange war Ilicak denselben Weg gegangen wie Erdogan, aber nie im Gleichschritt mit ihm. So ging sie 1999 für die Islamisten ins Parlament, als er hinter Gittern saß. Und als er 2001 die AKP gründete, war die Tugendpartei gerade verboten und Ilicak vom Verfassungsgericht mit einem politischen Betätigungsverbot belegt worden.

Das Politikverbot wurde vom Europäischen Menschenrechtsgericht kassiert, doch Ilicak begleitete den Aufstieg der Islamisten fortan außerhalb des Parlaments als eine ihrer prominentesten Intellektuellen. Anders als so viele Weggefährten bis zu Ex-Staatspräsident Abdullah Gül bewahrte sich Ilicak stets ihren kritischen Geist und schreckte nicht vor Tadel für Erdogan zurück, wenn sie das für angebracht hielt – so bei den Korruptionsvorwürfen gegen die Regierung, die 2013 ruchbar wurden.

Öffentlich kritisierte Ilicak damals, dass Erdogan den Skandal um mehrere seiner Minister unter den Teppich kehrte und von einem Komplott der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen sprach. Die Rache ihrer früheren Weggefährten ist fürchterlich. Kurz nach dem Putschversuch im vergangenen Juli wurde Ilicak wegen Mitgliedschaft in der „Fethullah-Gülen-Terrororganisation”, wie die Gülen-Bewegung im türkischen Amtsjargon genannt wird, im Badeort Bodrum verhaftet.

In dieser Woche wurde die frühere Zeitungskolumnistin zum Prozessauftakt in den Istanbuler Justizpalast gebracht. Zusammen mit Ilicak sind 16 weitere Journalisten wegen Beihilfe zum Umsturz angeklagt – ihnen drohen bis zu 15 Jahre Haft. Die 72-Jährige bewies in ihrer Verteidigungsrede, dass sie sich auch im Gefängnis ihren Kampfgeist bewahrt hat. Dem Staatsanwalt warf sie vor, entlastendes Material wie ihre Twitter-Mitteilungen aus der Putschnacht, in denen sie den Umsturzversuch verdammt hatte, unterschlagen zu haben. „Ich bin eine Weggefährtin Erdogans – warum soll ich einen Putsch gegen ihn wollen?“ Nützen dürfte es ihr wenig. Ilicak ist von der Regierung längst als Landesverräterin abgestempelt.