Kommentar zu "Fridays for Future"

Politiker lenken vom eigenen Versagen ab

Fridays für Future: Junge Leute protestieren am 18. Januar auf dem Münsterplatz.

Fridays für Future: Junge Leute protestieren am 18. Januar auf dem Münsterplatz.

Bonn. Während junge Menschen für den Klimaschutz demonstrieren, versuchen Politiker, statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung, vom eigenen Versagen abzulenken. Ein Kommentar von GA-Redakteur Wolfgang Wiedlich.

Das Protest-Pappschild eines 16-jährigen Mädchens in Stockholm ist zur Wiege einer Jugendbewegung zur Rettung des Erdklimas geworden. Das hat die Strategen aus den Politik-Apparaten kalt erwischt. Doch sie zeigen keine Anzeichen von Schnappatmung, denn die meisten der Demonstranten dürfen noch nicht wählen. Die professionellen Deuter des Phänomens stochern einstweilen im Nebel und verirren sich zuweilen.

Die reflexhaften Reaktionen deutscher Politiker zeigen, dass sie es immer noch nicht verstanden haben: Das menschengemachte Klimaproblem ist nicht mehr mit Kompromissen und kosmetischen Korrekturen zu lösen. Das seit Jahrzehnten praktizierte Aussitzen wissenschaftlicher Fakten hat die Lage nur verschärft. Statt sich inhaltlich mit den Forderungen der Noch-Nichtwähler zu beschäftigen, versuchen Regierende vom eigenen Versagen abzulenken. Ob in Australien, Großbritannien oder Deutschland: Es werden Debatten darüber losgetreten, ob Schulstreiker den Klimaschutz nicht als Alibi für pures Schwänzen nutzen.

 

Die Positivdenker loben „Fridays-for-Future“ als frohe Botschaft, als Gegensignal zur oft beklagten Politikverdrossenheit. Beides berührt nicht die Kernfrage: Die Schülergeneration hat die Folgen des Treibhausgas-Desasters zu tragen. Die Ungeborenen müssen es erst recht – nicht jene, die die Protestler vom hohen Pult maßregeln; die medial Berge kreißen lassen und nur Klimaschutzmäuse gebären, wozu auch der deutsche Kohlekompromiss gehört. Das politisch Machbare hinkt dem physikalisch Notwendigen meilenweit hinterher.

Greta Thunbergs Reden markieren so etwas wie das Ende der Geduld; sie sind kurz, bestechend logisch, undiplomatisch und verzichten auf Fachchinesisch. Ihre Sätze stammen aus dem Schwarz-Weiß-Universum einer Asperger-Autistin, die nur richtig oder falsch kennt, was bei Klimafakten eher von Vorteil ist. Denn diese sind weder „pessimistisch“ noch „optimistisch“ zu deuten, wie es Politiker nahelegen. Gretas Sätze sind auch fundamental: „Wenn es unmöglich ist, Lösungen im bestehenden System zu finden, sollten wir das System ändern.“

Mehrheitsfähig ist das nirgendwo im Westen, wo ökologische Systemkritik leider immer noch in die angestaubten Links-Rechts-Schubladen einsortiert wird. Fernab der Schülerproteste wäre es überhaupt wünschenswert, wenn die jüngere Generation politisch aktiver wäre. Schließlich hat, so die Analysten, der verweigerte Urnengang der 18- bis 34-Jährigen Europa den Brexit und der Welt Donald Trump eingebrockt.