Kritik an Unternehmen

Nur jeder dritte Betrieb zahlt Tarif

DÜSSELDORF. NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) kritisiert die zunehmende Tarifflucht der Unternehmen. Inzwischen zahlen nur noch 35 Prozent der NRW-Firmen nach Tarif.

"Es gibt aber in NRW kein Beispiel dafür, dass ein Unternehmen durch Tarifbindung in Existenzschwierigkeiten gekommen ist", sagte Schneider dieser Zeitung. Neben den 35 Prozent der NRW-Betriebe, die nach Tarifvertrag zahlen, orientieren sich weitere 27 Prozent an einem Branchentarifvertrag. Der Rest der Betriebe ist tariffrei.

Nach Angaben Schneiders waren im Jahr 2000 noch 74 Prozent der Arbeitnehmer und 56 Prozent der Betriebe in NRW tarifgebunden. Heute arbeiten nur noch 63 Prozent der Beschäftigten in Nordhein-Westfalen nach Tarif. Während Industriesparten wie Metall, Elektro, Bau und Chemie sowie der Öffentliche Dienst meist Tarifverträge haben, arbeiten die Beschäftigten in Handel (42 Prozent), Gastronomie (41 Prozent) und in Kommunikationsberufen (33 Prozent) zunehmend ohne festen Tarif.

Minister Schneider warnte die Unternehmen vor der Tarifflucht, weil durch die Tarifbindung "gleichartige Wettbewerbsvoraussetzungen bei Einkommen und Arbeitsbedingungen in einer Branche gewährleistet werden". Zudem sei das Tarifvertragssystem so flexibel, dass in einer Krise "auch auf die spezifischen Bedingungen in einem Unternehmen durch die Tarifvertragsparteien reagiert werden kann".

Auch der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Rainer Dulger, sieht im Flächentarif einen Weg zur friedlichen Konfliktbeilegung.

Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung trifft die Tarifflucht vor allem Schlechtverdiener. Der Anteil der tarifgebundenen Beschäftigung sei der stärkste Treiber für die wachsende Lohnungleichheit, heißt es in der Studie weiter.

Nach Angaben der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung erhalten Beschäftigte im Flächentarif im Schnitt elf Prozent höhere Stundenlöhne als tariflose Arbeiter.

Bei Haustarifen betrug das Plus sogar fast 16 Prozent. Sie erhalten - etwa im Volkswagenkonzern - oft auch mehr Urlaub und Sonderzahlungen. Im Westen ist die Tarifbindung noch stärker als im Osten.