Bildungspolitik

Neue Debatte über das föderale Schulsystem

BERLIN.  Beim einzelnen Schüler ansetzen: Bildungspolitiker sehen in der individuellen Förderung des Kindes den Schlüssel zum Lernerfolg - auch bei einem Umzug.
Referendarin in einer Schule: Die Bildungsdebatte ist wieder neu entbrannt.
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Referendarin in einer Schule: Die Bildungsdebatte ist wieder neu entbrannt. Foto: dpa

Er will ja nicht seinen Parteifreund in die Pfanne hauen. Marcus Weinberg ist selbst CDU-Mitglied, sogar Landesvorsitzender in seiner Heimatstadt Hamburg, und er ist Lehrer. Also einer aus der Praxis.

Angesprochen auf Norbert Röttgens Forderung, die Bildungsdefizite in Deutschland durch bundeseinheitliche Lehrpläne zu beheben und dem allseits beklagten Bildungsföderalismus so ein Schnippchen zu schlagen, sagt Weinberg: "Was er kritisiert, ist durchaus berechtigt."

"Durchaus" ist durchaus eine Einschränkung. Denn Röttgens Lösungsweg ist nicht ganz der seine: "Komplett einheitliche, zentralistische Lehrpläne wären kontraproduktiv. Wir brauchen regionale Eigenheiten." Das sagt einer, der nicht nur im Lehrberuf tätig war, sondern heute im Bundestag sitzt und dort die Bildungspolitik bearbeitet.

Der 44-jährige Weinberg bringt ein Beispiel: Wenn laut Lehrplan Geschichte die Industrielle Revolution behandelt wird, dann müssten Schulen in Baden-Württemberg nicht unbedingt immer dieselben Ereignisse aufgreifen wie Schulen in Mecklenburg-Vorpommern. "Aber wir müssen einen Angleichungsprozess hinbekommen."

Das heißt: Das Thema soll nicht in einem Land in der achten und im anderen in der neunten Klasse unterrichtet werden. Denn sonst passiert es, dass Kinder bei einem Umzug von Nord nach Süd möglicherweise nie mit diesem Teil der Geschichte in Berührung kommen. Ob TIMMS, PISA oder IGLU - die verschiedenen Vergleichsstudien der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass deutsche Schüler im internationalen Rahmen in der Breite nicht so gut mit ihren Leistungen abschneiden wie andere Länder.

Woran das liegt, ist umstritten. Manche fordern die Abschaffung der Hauptschulen, manche die flächendeckende Einrichtung von Gesamtschulen, wieder andere sehen das Problem im Bildungsföderalismus.

Dass seit der Föderalismusreform 2006 Bund und Länder bei Universitäten und Schulen strikt getrennte Wege gehen müssen, gilt inzwischen bei vielen Politikern als Fehler. Zumindest beim Bund. In den Ländern will man zwar das Geld des Bundes, ruhig auch für die Schulen, aber bitte keine politische Einmischung von da oben.

Der Ausweg heißt Bildungsstandards. Die Kultusministerkonferenz hat sich für zentrale Fächer auf solche gemeinsamen Standards geeinigt, die Kompetenzen beschreiben, welche die Schüler in den Jahrgangsstufen 4, 8 und 9 jeweils erreichen sollen. Für die Sekundarstufe II gibt es sie noch nicht, aber die Kultusminister arbeiten daran.

Im März kündigten sie an, bis zum Schuljahr 2016/2017 einen gemeinsamen Aufgabenpool für das Abitur vorlegen zu wollen. Entsprechend müssen die Länder bis dahin auch die Lehrpläne angleichen, man arbeitet also von oben nach unten. Röttgen hingegen, noch Bundesumweltminister, schwebt vor, die Lehrpläne direkt bundesweit zu vereinheitlichen.

Offenbar weil die Ungeduld groß ist angesichts der zögernden Umsetzung der Bildungsstandards in den Ländern. Wo die Länder sie schon vereinbart haben, hätten diese ihre Lehrpläne erst zu 20 Prozent daran angepasst, sagt Klaus Kinkel, Vorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung (siehe Interview unten).

Gunhild Böth bezweifelt, ob Landesgrenzen überschreitende Umzüge wirklich ein Problem sind. "Es gibt darüber keine Statistiken. Die meisten Kinder schaffen das gut", sagt die bisherige bildungspolitische Sprecherin der Linken im Düsseldorfer Landtag. Röttgen glaube offenbar, Lehrpläne gäben Lerninhalte vor. Aber schon heute beschrieben sie nur Qualifikationen. Und genau darum gehe es auch bei den Bildungsstandards.

Die SPD-Bildungspolitikerin Renate Hendricks aus Bonn hält die individuelle Förderung des Kindes in der Schule für den Schlüssel zum Lernerfolg. Sie hat beobachtet, dass Kinder, die aus dem Ausland an eine deutsche Schule wechseln, oft mehr Unterstützung erhalten, als wenn sie aus einem anderen Bundesland zuziehen. Das heißt, es liegt in der Verantwortung der neuen Schule, dafür zu sorgen, dass die Schulwechsler gut mitkommen.

"Die Grunddebatte, wie wir führen müssen, ist, ob Schulen in ihren vielfältigen Aufgaben wie Ganztag, Inklusion, hoher Migrantenanteil nicht gesellschaftliche und soziale Aufgaben übernehmen müssen, die aus den Länderhaushalten nur noch schwerlich zu finanzieren sind." Deshalb müsse der Bund wieder bei der Schulpolitik mitreden dürfen. Und das heißt: auch mit Geld.

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