Waffen-Lobby in den USA

"NRA ist angeschossen am gefährlichsten"

WASHINGTON.  Vier Tage haben sie zum Nachdenken gebraucht. Und als die ganze Nation bereits ihre Taschentücher nass geweint hatte, kam das. "Schockiert, traurig und todunglücklich" über die "schrecklichen und sinnlosen Morde" sei man, teilte die National Rifle Association (NRA) in einer knappen Stellungnahme mit.
In den USA Alltag: Ein Mann informiert sich in einem Waffenladen. Nach dem Massaker in einer Grundschule wird über strengere Regeln im Waffenrecht diskutiert.
								Foto: dpa
In den USA Alltag: Ein Mann informiert sich in einem Waffenladen. Nach dem Massaker in einer Grundschule wird über strengere Regeln im Waffenrecht diskutiert. Foto: dpa

Damit der 27-fache Mord von Newtown ein Solitär bleibt, will der von Kritikern als rücksichtslosester Lobby-Verband Amerikas verurteilte Bund der Waffenfreunde "sinnvolle Beiträge leisten, um zu helfen, dass so etwas niemals mehr geschieht."

Wie denn? Lenkt die NRA, die 20 Jahre lang alle Versuche erfolgreich hintertrieben hat, die laxen Waffengesetze zu verschärfen, im Angesicht von Kinder-Särgen ein? Bevor der 141 Jahre alte Verband morgen in Washington eine seiner raren Pressekonferenzen gibt, warnen Experten vor zu hohen Erwartungen. "Angeschossen", sagte ein Professor der American University in der Hauptstadt auf Anfrage, "war die NRA immer schon am gefährlichsten."

Als Mahnung dient die Taktik der vier Millionen Mitglieder starken Vereinigung, die einen fliegenden Adler als Wappen hat, der vor dem Sternenbanner zwei Gewehre trägt, in der Zeit nach dem ersten großen Massaker an der Columbine-Highschool in Littleton 1999. Die Regulierungsbemühungen der damaligen Regierung von Bill Clinton wurden mit mafiösen Methoden unterlaufen.

In den entscheidenden Debatten gingen NRA-Lobbyisten im Sitzungssaal in Augenweite der Abgeordneten in Stellung, die vorher mit NRA-Geld (Jahresbudget: 200 Millionen Dollar) im Wahlkampf gesponsert worden waren. Resultat: Eine entscheidende Anzahl von Parlamentariern votierte gegen eine Verschärfung der Waffengesetze.

In den ersten Monaten nach Littleton, wo inklusive der Täter 15 Tote zu beklagen waren, traten 200.000 Amerikaner in die NRA ein. Das Spendenaufkommen stieg um zusätzliche zehn Millionen Dollar.

Insider in liberalen Denkfabriken rechnen damit, dass der mit 550 Angestellten von einem dunkel verglasten Büro-Kasten in Fairfax/Virginia vor den Toren Washingtons regierte Verband auch diesmal erst "Betroffenheit heuchelt und dann klare Kante zeigt". Was aus der viel auf Selbstjustiz setzenden NRA-Sicht wie immer bedeutet: Gebt den Leuten mehr Waffen an die Hand - dann können Amokläufer nicht so viele Menschen töten.

Eine Schlüsselfigur dabei: Wayne LaPierre, seit 35 Jahren NRA-Funktionär, heute Geschäftsführer. Vor allem ihm wird angelastet, dass die NRA über die Jahre politisch immer radikaler wurde. So radikal, dass auch rechtslastige Militias, Verschwörungs-Theoretiker und Terroristen in den Zehntausenden NRA-Klubs im Land eine Heimat finden. Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma im Jahr 1995, war NRA-Mitglied.

Von LaPierre ist aus dieser Zeit der Satz überliefert, dass die für die Überwachung von Feuerwaffen zuständigen Bundesbeamten "Schergen in Knobelbechern" seien, die gesetzestreue Bürger "belästigen und einschüchtern".

Gegner der Waffen-Lobby, wie die landesweit aktive Brady-Kampagne, stellen immer wieder fest, dass "viele NRA-Mitglieder ganz vernünftig sind und ein hohes Interesse daran haben, dass das in der Verfassung verankerte Recht auf Waffenbesitz nicht durch Amokläufer beschädigt wird". Im Gegensatz dazu verstehe sich die Führungsschicht als "politische Kampftruppe härtester Prägung".

Noch vor wenigen Wochen im Präsidentschaftswahlkampf verteilte die NRA T-Shirts, auf denen zur Abwahl von Präsident Obama aufgerufen wurde. Begründung: der Präsident wolle durch neue Waffengesetze den Amerikanern "die Freiheit" nehmen.

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