Flüchtlinge auf dem Mittelmeer

Migranten meiden Italien

Die „Sea-Watch 3“ musste tagelang vor Malta ausharren.

Die „Sea-Watch 3“ musste tagelang vor Malta ausharren.

Bonn. Vor zwei Jahren hat Italien eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Behörden von Libyen gestartet. Die libysche Marine bringt Flüchtlingsboote auf und transportiert die Menschen zurück in Lager auf dem Festland – eine umstrittenen Politik.

Spanien und Griechenland haben im vergangenen Jahr Italien als ersten Anlaufpunkt von Flüchtlingen abgelöst, die über das Mittelmeer nach Europa kamen. Nach Angaben der europäischen Grenzschutzagentur Frontex fiel die Zahl der Migranten, die in Libyen die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer antraten, um 87 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der über Algerien kommenden Flüchtlinge halbierte sich.

Insgesamt kamen 2018 über die sogenannte zentrale Mittelmeerroute rund 23.000 Menschen nach Europa, ein Rückgang von 80 Prozent gegenüber 2017. In diesem Jahr hatte Italien eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Behörden des Bürgerkriegslandes Libyen gestartet. Dessen Marine bringt Flüchtlingsboote auf und transportiert die Menschen zurück in Lager auf dem Festland – eine umstrittenen Politik. In den libyschen Einrichtungen ist die Lage nach Auskunft von Hilfsorganisationen desaströs. In den bereits zuvor überfüllten Lagern herrschten „entsetzliche Zustände“, kritisierte der Verantwortliche des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR für Libyen, Roberto Mignone.

Zum Teil wichen Flüchtlinge auf die westliche Mittelmeerroute nach Spanien und die östliche Route nach Griechenland aus. Trotzdem sank die Zahl der Flüchtlinge insgesamt deutlich ab. Rund 150.000 Menschen kamen nach Frontex-Zahlen 2018 nach Europa, die geringste Zahl im Fünf-Jahres-Zeitraum. Über 106.000 wählten eine der Mittelmeerrouten. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) zählte rund 3600 ertrunkene oder auf der Überfahrt vermisste Flüchtlinge

Die meisten Migranten steuerten nun Spanien als erstes Ziel an, 57.000 insgesamt – eine glatte Verdopplung gegenüber 2017. An der engsten Stelle ist die Straße von Gibraltar, die Spanien von Marokko trennt, nur 14 Kilometer breit. „Wir haben die Pflicht dabei zu helfen, eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden und diesen Menschen einen sicheren Hafen zu bieten. Wir müssen die Menschenrechte einhalten“, erklärte der spanische Premier Pedro Sanchez Mitte 2018, als er den Hafen von Valencia für das zuvor von Italien zurückgewiesene Flüchtlingsschiff „Aquarius“ öffnete.

Ungewohnte Töne in diesen Zeiten, in denen viele europäische Staaten ihre Grenzen dichtmachen. Allerdings fällt der spanischen Regierung ihre großzügige Haltung womöglich auch deshalb leicht, weil sie weiß, dass die meisten Flüchtlinge weiterziehen – nach Frankreich, Deutschland, Skandinavien.

Insgesamt waren unter den Flüchtlingen im vergangenen Jahr nur 18 Prozent Frauen, wie sich aus den erstmals erfassten Angaben zu Geschlecht und Alter ergibt. Rund ein Fünftel der Migranten erklärten sich für minderjährig, und von diesen waren rund 4000 ohne erwachsene Begleiter unterwegs.