Interview mit Hans-Peter Siebenhaar

Medienexperte: "Ich fordere mehr Transparenz"

Bonn.  Mit seinem Buch "Die Nimmersatten. Die Wahrheit über das System ARD und ZDF" (Eichborn, 14,99 Euro) hat sich der Medienexperte Hans-Peter Siebenhaar in die laufende Diskussion eingeschaltet.
Besseres Fernsehen mit weniger Geld: Medienexperte Hans-Peter Siebenhaar.
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Besseres Fernsehen mit weniger Geld: Medienexperte Hans-Peter Siebenhaar. Foto: PR

Ihr Buch liest sich wie ein Krimi - doch vieles ist offenbar wahr. Wie lautet Ihr Hauptvorwurf gegen das "System ARD und ZDF"?
Hans-Peter Siebenhaar: Das System ARD und ZDF ist gekennzeichnet von Ineffizienz und Intransparenz, die zu Vetternwirtschaft und Korruption wie beispielsweise beim Kinderkanal führt. Durch die enge Verzahnung zwischen Anstalten und Parteien gibt es keine Chancen auf grundlegende Reformen, damit besserer Rundfunk für weniger Geld möglich wird.

Das neue Gebührenmodell wirft erneut Fragen nach der Legitimation auf. Die Öffentlich-Rechtlichen nehmen doch einen Bildungs- und Informationsauftrag wahr. Da geht doch eine Art TV-Steuer in Ordnung, oder?
Siebenhaar: ARD und ZDF gehören zur DNA der Bundesrepublik. Doch der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in den vergangenen Jahren aus den Fugen geraten. Es ist ein System mit mittlerweile 22 Fernseh- und 67 Radiosendern und einer Vielzahl von Internetportalen entstanden, in dem selbst Intendanten den Überblick verlieren. Wir leisten uns den teuersten öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Europa. Besseres Fernsehen ist mit weniger Geld durchaus machbar, wenn endlich grundlegende Reformen angepackt werden.

Wie sollten die aussehen?
Siebenhaar: Wichtig wäre, nicht ständig neue Kanäle aus dem Boden zu stampfen. Die sechs Digitalkanäle von ARD und ZDF senden praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie sind aus meiner Sicht überflüssig. Es gibt viele Schieflagen im System. Müssen ARD und ZDF eigene Produktionsstätten wie die Bavaria Film in München und das Studio Hamburg haben? Wollen wir Doppel- und Dreifachstrukturen im Senderverbund aufrechterhalten? Müssen sich ARD und ZDF mit ihren Hauptprogrammen gegenseitig Konkurrenz machen, oder sollten wir nicht lieber Milliarden einsparen, indem wir ARD und ZDF verschmelzen? Es gibt viele Möglichkeiten zu sparen, um die Rundfunkgebühren zu senken.

Wo liegen die Stärken der Öffentlich-Rechtlichen?
Siebenhaar: Bei Information und Kultur sind ARD und ZDF stark, Phoenix, 3sat und arte sind Musterbeispiele für die Kernkompetenz. In den Nischenkanälen findet sich hohe Qualität. Davon ist in den Hauptprogrammen wenig zu spüren. Sie unterscheiden sich im Niveau mit kitschigen Schnulzen, öden Kochsendungen und albernen Shows bisweilen kaum noch von den Privaten.

Was können ARD und ZDF vielleicht von den Privaten lernen? Die Moderatoren und Talkmaster beziehen sie ja schon von RTL & Co?Siebenhaar: Die Anstalten sollten sich an den schlanken, effizienten Strukturen der Privaten ein Beispiel nehmen. RTL und Pro Sieben Sat 1 kommen mit einem Bruchteil des Personals von ARD und ZDF aus.

Ein Problem ist sicherlich, dass die Jugendlichen und die Menschen unter 50 ZDF und ARD in Scharen weglaufen.
Siebenhaar: In der Tat findet ein Generationenabriss bei den Öffentlich-Rechtlichen statt. Die Lösung kann aber nicht darin bestehen, neue Getto-Kanäle zu schaffen wie den jetzt geplanten Jugendsender. Prinzipiell müssen sich ARD und ZDF viel stärker an der Gesamtheit der Gesellschaft orientieren und mutiger werden.

7,5 Gebühren-Milliarden pro Jahr scheinen für ARD und ZDF nicht genug zu sein. Halten Sie die Etat-Aufstockung durch Werbung für gerechtfertigt?
Siebenhaar: Wenn ich als Bürger fast 18 Euro monatlich zwangsweise zahle, in wenigen Jahren wird es sicherlich mehr sein, dann habe ich ein Recht auf ein Fernsehen ohne Reklame.

Bei der Lektüre Ihres Buches fällt ins Auge, wie schwierig es ist, an Zahlen zu kommen. Da ist auf der einen Seite der gläserne und pro Wohnung zahlende TV-Konsument, auf der anderen Seite ein sich abschottendes öffentlich-rechtliches System. Welche Mittel sehen Sie, das zu ändern?
Siebenhaar: Eines meiner zentralen Anliegen, das ich in den "Nimmersatten" formuliere, ist Transparenz. Der Bürger hat einen Anspruch darauf, zu wissen, wofür sein Geld ausgegeben wird. Viele Moderatoren wie Günther Jauch oder Markus Lanz verdienen sich nicht nur vor der Kamera, sondern auch hinter der Kamera als Produzenten eine goldene Nase im Gebührenfernsehen. Der Bürger erfährt nicht, wie viel Geld ARD und ZDF an die Moderatoren überweisen. Ich fordere eine Art Hauptversammlung wie bei Aktiengesellschaften, bei der die Verantwortlichen ausführlich Rechenschaft ablegen.

Zur Person

Der promovierte Politikwissenschaftler Hans-Peter Siebenhaar (Jahrgang 1962) hat beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet, den Blog "Mediawatcher" betrieben und ist seit dem Jahr 2000 Medienexperte des Handesblatts. Gerade ist sein Buch "Die Nimmersatten" (Eichborn) erschienen.

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