Frankreich: Machtwechsel im Élysée | GA-Bonn

Frankreich

Machtwechsel im Élysée

Paris.  Auch am Tag, als er vom Kandidaten zum Präsidenten wurde, blieb sich François Hollande treu. Jovial wie immer Wangenküsschen verteilend, erschien der Sozialist gestern im Wahlbüro des Städtchens Tulle, dem er jahrelang als Bürgermeister vorstand.

Leutselig: François Hollande nach der Stimmabgabe in seinem Heimatort Tulle. Foto: ap

"Ich weiß noch nicht, ob es ein schöner Tag wird", gab er sich da noch vorsichtig. Einem Bewohner von Tulle, der ihm anvertraute "François, mein Herz klopft", um anzufügen, ab morgen müsse er wohl "Präsident" zu ihm sagen, erwiderte Hollande: "Aber nein, es wird immer François sein." Leutselig, bescheiden, ja "normal" - dieses Bild vermittelte er auch am Tag der Entscheidung, als Gegensatz zum abgehobenen Nicolas Sarkozy.

Hollandes Strategie hatte Erfolg: Eine deutliche Mehrheit der Wähler gab dem 57-Jährigen ihre Stimme. Ein klares Mandat - und ein schöner Tag für den Sozialisten, der sich seit mehr als einem Jahr unermüdlich im Wahlkampf befand, als Favorit der Umfragen galt und doch bis zuletzt vorsichtig vor voreiligem Triumph warnte.

Gestern Abend durften seine Anhänger endlich jubeln, in Tulle, auf dem geschichtsträchtigen Bastille-Platz in Paris als traditionellem Feierort der Linken und in all den Regionen Frankreichs, die überwiegend für einen Machtwechsel gestimmt hatten. 46 Millionen Franzosen waren zur Stimmabgabe aufgerufen; die Beteiligung erreichte ersten Angaben zufolge um die 80 Prozent, lag aber wohl unter der von 2007, als 84 Prozent wählen gingen.

Sarkozy, der in Umfragen und nach der ersten Wahlrunde zurücklag, konnte trotz eines engagiert-kämpferischen Wahlkampf-Endspurtes den Trend nicht mehr wenden. Vor fünf Jahren war er als williger Reformer angetreten, der seinen Landsleuten ein besseres Leben versprach. Nun wandte sich die Mehrheit enttäuscht ab.

Anders als 2007 gelang es ihm trotz deutlicher Signale an die Sympathisanten des rechtsnationalen Front National diesmal nicht, das Gros der 6,4 Millionen Wähler von Marine Le Pen zu gewinnen. Sie verweigerte eine Wahlempfehlung, während sich andere ausgeschiedene Kandidaten wie der Linksfront-Chef Jean-Luc Mélenchon und die Grünen-Kandidaten Eva Joly hinter Hollande sammelten.

Sarkozy hat angekündigt, im Falle seiner Niederlage die Politik aufzugeben und in die Privatwirtschaft zu gehen. Der bürgerlich-konservativen Partei UMP droht ein Führungskampf und die Zersplitterung. Die Sozialisten sind hingegen gestärkt wie seit der Präsidentschaft François Mitterrands nicht mehr. Jean-Marc Ayrault, als Deutschlehrer ein Kenner des Nachbarlandes und möglicher nächster Premier, erklärte, ein erster Austausch mit Angela Merkel sei noch am Wahlabend möglich.

Damit dämpfte er Sorgen vor einem störrischen Partner Hollande, der angekündigt hat, den europäischen Fiskalpakt neu aushandeln und ihn um eine Wachstumskomponente ergänzen zu wollen. Auch seinen ersten Auslandsbesuch will er in Berlin absolvieren. Hollande dürfte spätestens am 15. Mai in sein neues Amt eingeführt werden werden - dann endet Sarkozys Amtszeit offiziell.

Anschließend tritt eine Übergangsregierung in Kraft, denn erst nach den Parlamentswahlen im Juni steht die Mehrheit in der Nationalversammlung fest - gehört sie nicht zur politischen Familie des neuen Präsidenten, kommt es zu einer "Kohabitation".

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