Kurienkardinal Walter Kasper

Liberaler Bischof in Ratzingers Schatten

ROTTENBURG.  Nach dem Papst war er lange Zeit der ranghöchste Deutsche in der katholischen Kirche. Und wie Benedikt XVI. hat auch Walter Kasper lange als Dogmatik-Professor gelehrt, bevor er Bischof und Kurienkardinal in Rom wurde. So ähnlich auch der Weg der beiden war - in seinem Denken unterscheidet sich Kasper deutlich von Joseph Ratzinger.
Walter Kasper bei einem Gottesdienst in Speyer.
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Walter Kasper bei einem Gottesdienst in Speyer. Foto: dpa

Dienstag wird der ehemalige Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart 80 Jahre alt. Im Konklave, das den neuen Papst wählt, wird er der älteste Kardinal sein.

Kasper hat die Wende zur Neuzeit theologisch mitvollzogen. "Dieser differenzierte Zugang zur Neuzeit unterscheidet mich von vielen anderen Theologen", sagte er 2006. "Ich konnte die Neuzeit nie nur als prometheischen Aufstand des Subjekts gegen die von Gott gesetzte objektive Ordnung sehen. Die neuzeitliche Subjektivität ist nämlich etwas anderes als ein Subjektivismus der Beliebigkeit. Sie ist eher das Gegenteil."

Einen Monat nach dieser Äußerung Kaspers hielt Papst Benedikt XVI. in Regensburg eine Rede, in der er den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit ganz anders darstellte: als dramatischen Zerfall der Verbindung von Vernunft und Glauben zugunsten eines Relativismus der Beliebigkeit. Kasper sieht die Moderne weniger pessimistisch. Leitbegriff seines Gottesdenkens wurde die Freiheit: "Der biblische Gott vereinnahmt nicht, er setzt frei", sagt er.

1993 wagte Kasper einen Vorstoß für mehr Freiheiten in der Kirche. Zusammen mit anderen Bischöfen wollte er wiederverheiratete Geschiedene nicht mehr von der Kommunion ausschließen - doch der oberste Glaubenshüter, Kardinal Joseph Ratzinger, schmetterte das Reformanliegen ab. Mehr Freiheiten wollte Kasper auch den Ortskirchen geben: Rom sollte einen kollegialen Ausgleich mit den Bistümern suchen. Auch damit konnte sich Kasper nicht gegen Ratzinger durchsetzen.

Bei seiner Hauptaufgabe setzte der katholische Chef-Ökumeniker ebenfalls liberale Akzente. Am Reformationstag 1999 unterzeichnete er in Augsburg die von ihm mit erarbeitete "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre". Katholiken und Protestanten legten damit alte Lehrstreitigkeiten bei. Ratzinger sprach dagegen den protestantischen Kirchen ab, überhaupt echte Kirchen zu sein.

Kasper passte diese Abqualifizierung nicht. In der Regel verteidigte er den Papst aber, wo er nur konnte. Sogar als Benedikt die erzkonservativen Piusbrüder samt dem Holocaust-Leugner Richard Williamson rehabilitierte - und damit das Verhältnis zum Judentum belastete, das Kasper gepflegt hatte. 2010 schickte Benedikt den Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen in den Ruhestand.

Geboren wurde Kasper am 5. März 1933 im schwäbischen Heidenheim. Er ließ sich 1957 zum Priester weihen. Schon als 31-Jähriger wurde er Dogmatik-Professor in Münster, wo damals auch Ratzinger lehrte. 1970 kehrte er zurück an die Uni Tübingen, wohin auch Ratzinger 1966 gewechselt war. 1989 wurde Kasper Bischof von Rottenburg-Stuttgart, galt aber als wenig volksnah. dpa

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