Kommentar zum G20-Gipfel

Kritik ist notwendig

An einem Haus hängt am Rande der Demonstration «G20 Welcome to hell» in Hamburg ein Transparent.

An einem Haus hängt am Rande der Demonstration «G20 Welcome to hell» in Hamburg ein Transparent.

Wer das Treffen mit Gewalt zu verhindern versucht, macht nichts besser. Diese gewaltbereiten Gruppen würdigen den Protest all jener Organisationen herab, die ernsthafte und argumentativ überzeugende Kritik äußern, kommentiert GA-Korrespondentin Eva Quadbeck.

Die Gruppen von gewalttätigen Demonstranten treten die Anliegen jener Gruppen mit Füßen, die friedlich und mit Argumenten ihren Protest gegen den Hamburger G20-Gipfel äußern. Das ist umso bedauerlicher, als dass es unzählige Kritikpunkte an dem zweitägigen Treffen der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer in der Hansestadt gibt, die man tatsächlich ansprechen muss.

Allein gegen die Präsidenten so wichtiger Länder wie der Türkei, Russland, China und der Vereinigten Staaten lohnen eigene Aufmärsche, um je nach Person deren Demokratieverachtung und Menschenrechtsverstöße anzuprangern oder – wie bei Donald Trump – um auf deren vergleichsweise bizarren Umgang mit der freien Presse hinzuweisen.

Man kann Bundeskanzlerin Angela Merkel natürlich kritisieren, wenn man meint, dass sie diesen Herrschaften viel zu liebedienerisch gegenübertritt. Man muss sogar die G20-Staaten mahnen, dass sie beim Klimaschutz und bei der Bekämpfung von Fluchtursachen, also von Armut und Krieg, viel zu langsam vorankommen. Auch die Ansicht, der ganze Gipfel sei überflüssig, kann man offensiv vertreten. Mehr aber auch nicht.

Gewalt lenkt von wichtigen Themen ab

Wer das Treffen mit Gewalt zu verhindern versucht, macht nichts besser. Diese gewaltbereiten Gruppen würdigen den Protest all jener Organisationen herab, die ernsthafte und argumentativ überzeugende Kritik äußern. Sie stehlen neben deren Kritik auch die notwendige Aufmerksamkeit für die wichtigen Themen in den Hamburger Tagen.

Im Übrigen wäre eine Welt ohne G20-Gipfel nicht besser. Auch wenn die Wertvorstellungen der Teilnehmer genauso weit auseinanderliegen wie ihre Heimatländer geografisch gesehen, müssen sie doch miteinander reden können. Je weiter die Werte auseinanderklaffen, desto wichtiger sind solche Treffen. Nur wenn die Staats- und Regierungschefs eine Gesprächsebene haben, kann verhindert werden, dass Interessenkonflikte in kriegerische Auseinandersetzungen münden.

Kritik ernst nehmen

Der G20-Gipfel allein reicht freilich bei Weitem nicht aus, dass ernsthaft ein Vertrauensverhältnis zwischen Staats- und Regierungschefs entstehen kann. Aber eine G20-Präsidentschaft dauert stets ein ganzes Jahr. Zur Vorbereitung der Treffen besuchen sich die Teilnehmer gegenseitig und führen vertiefte Gespräche.

Nichtsdestotrotz müssen die G20-Staaten die Fundamentalkritik gegen ihre Runden ernst nehmen. Die Forderung, die ärmsten Länder der Erde stärker einzubeziehen, ist berechtigt. Sie sind die Hauptleidtragenden einer verfehlten Klimaschutz- und Welthandelspolitik. Bislang gibt es nur eine Stimme der Afrikanischen Union bei G20-Treffen. Diese Stimme sollte unbedingt lauter werden. Dann werden sich die Fluchtursachen auf dem afrikanischen Kontinent auch effektiver bekämpfen lassen.