Krim

Krise beeinflusst die US-Energiepolitik

09.03.2014 WASHINGTON. Die Krise um die Krim hat in Amerika einen Kurs-Wechsel in der Energie-Politik beschleunigt. Mittelfristig kann daraus in Konflikten wie in der Ukraine eine wirkungsvolle politische Waffe werden.

Um den Überschuss an das durch die umstrittene Fracking-Methode gewonnene Schieferstein-Gas wirtschaftlich und zugleich geostrategisch zu verwerten, wird im Kongress in Washington der Ruf lauter, die bisher geltenden Exportverbote aufzuheben und so dem Groß-Gaslieferanten Russland Paroli zu bieten.

"Wir sollten unsere Verbündeten nicht dazu zwingen, weiter von Putin und seiner Energie abhängig zu sein", sagte der drittmächtigste Mann im Staate, John Boehner. Der republikanische Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus fordert Präsident Barack Obama dazu auf, die Genehmigungen für den Export von Schiefergas "drastisch auszuweiten". Auf diesem Weg könnten Länder wie Deutschland, die zu rund 39 Prozent ihren Gasbedarf mit russischem Gas decken, "unabhängiger von Moskau werden", heißt es in republikanischen Kreisen.

Obama hat das Ziel gesetzt, die USA zum weltgrößten Energieproduzenten und zum Netto-Exporteur von Gas zu machen. Boehners Vorstoß fällt zusammen mit einer viel beachteten Geste vier osteuropäischer Länder der so genannten Visegrád-Gruppe. In einem gestern bekannt gewordenen Schreiben der US-Botschafter von Ungarn, Polen, Tschechiens und der Slowakei heißt es an die Adresse der Spitzen des Kongresses: "Das Vorhandensein von US-Erdgas wäre in Zentral- und Osteuropa überaus willkommen." Auf diese Weise könnten mögliche Ausfälle wettgemacht werden, falls Russland aus politischen Erwägungen seine Gaslieferungen drosseln sollte.

Derzeit seien die Anrainer-Staaten Russlands zu 70 bis 100 Prozent auf russische Gaslieferungen angewiesen und damit "verwundbarer" als andere Staaten in Europa.

Michael Levi, Direktor der Abteilung Klimawandel und Energie-Sicherheit in der renommierten Denkfabrik "Council on Foreign Relations", hat jedoch Zweifel an einer raschen Umsetzung. "Für europäische Energie-Unternehmen wird Gas aus Nordamerika vorerst kaum preislich attraktiv sein." Dazu komme, dass sich ein energiepolitisches Gegengewicht zu Russland bei Gas frühestens in einigen Jahren bemerkbar machen würde.

Die ersten Spezial-Tanker, die verflüssigtes und auf minus 163 Grad Celsius abgekühltes "Liquified Natural Gas" (LNG) aus Amerika über die Weltmeere schippern, können frühestens 2015 starten. Dann soll an der Golfküste Louisianas das erste dafür eigens gebaute Container-Terminal den Betrieb aufnehmen.

Weitere Anlagen werden nach Einschätzung des Energie-Ministeriums in Washington 2017 folgen. Unter Federführung der Wirtschaftsabteilung des US-Außenministeriums werden Länder in der Einflussspähre Russlands zudem gezielt dabei unterstützt, sich eigene Gas-Quellen zu erschließen. So hat der US-Konzern Halliburton damit begonnen, in Polen nach Gas zu "fracken", Shell will in der Ukraine gemeinsam Gas-Vorkommen erkunden.

Carlos Pascual, einst US-Botschafter in der Ukraine, sagte der New York Times, dass die Aussicht auf US-Exporte kurzfristig die Probleme in Europa nicht lösen kann. "Aber wir senden ein starkes Signal, dass sich der Markt verändert und in Zukunft die Versorgung auch aus anderen Teilen der Welt sichergestellt werden kann."

Experten aus der Energie-Branche räumten allerdings ein, dass sich die Notwendigkeit für alternative Lieferanten erst dann ergibt, wenn Quasi-Monopolist Russland seinen Kunden den Gas-Hahn zudrehen sollte. Damit rechnen Fachleute wie Jeffrey Mankoff vorläufig nicht. Russlands Staatshaushalt speise sich zu 50 Prozent aus den Einnahmen des Gas- und Öl-Geschäftes. (Dirk Hautkapp)