Attentat in Köln

Keupstraße hat noch viele Fragen zu NSU-Verbrechen

Eindringlicher Appell: Meral Sahin, Sprecherin der Interessengemeinschaft Keupstraße.

Eindringlicher Appell: Meral Sahin, Sprecherin der Interessengemeinschaft Keupstraße.

Köln. Eine Interessengemeinschaft der Anwohner fordert weitere Aufklärung der Verbrechen des NSU. Sie haben viele Fragen, die der Prozess längst nicht geklärt hat.

Das Urteil im NSU-Prozess ist für die Anwohner der Keupstraße kein Schlusspunkt. „Ich habe erwartet, dass alles lückenlos aufgeklärt wird. Das ist nicht geschehen“, sagt Mitat Özdemir. Er hat noch Fragen: „Wer oder was steckt wirklich dahinter? Wer kann mir versichern, dass das nicht wieder passiert?“ Vor 14 Jahren am 9. Juni 2004 explodierte die Nagelbombe an der Keupstraße. Mitat Özdemir erinnert sich noch genau: „Ich war auf der Autobahn zwischen Aachen und Köln.“ Im Radio hörte er von den Ereignissen. Özdemir fuhr rechts ran, voller Angst um seine Familie: „Ich habe ein Geschäft am Ende der Straße, mein Sohn arbeitet hier, die Kinder sind draußen.“ Er habe sofort an ein politisches Motiv gedacht. Aber die Behörden vermuteten eine Tat im kriminellen Milieu.

„Sieben Jahre hat man Druck auf uns ausgeübt“, sagt Özdemir. Bis sich zeigte, dass der NSU („Nationalsozialistischer Untergrund“) hinter dem Anschlag steckt. Sieben Jahre, die nachwirken. Dann folgte der fünfjährige Prozess. Beim Prozessauftakt war Özdemir, Mitgründer der Initiative „Keupstraße ist überall“, vor Ort. Auch zur Urteilsverkündung an diesem Mittwoch ist ein Bus mit Opfern und Anwohnern zum Gericht nach München gefahren.

Der Sprengsatz enthielt Schwarzpulver und 700 lange Nägel. Er explodierte um 15.56 Uhr direkt vor dem Friseurgeschäft von Özlan Yildirim. 22 Menschen wurden verletzt, der Laden verwüstet. Yildirim steht an diesem Mittwoch in seinem Salon, der jetzt etwas zurückgezogen in einem Hinterhof liegt, und frisiert seine Kunden. Er hofft, dass die zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte Beate Zschäpe „nie wieder aus dem Gefängnis rauskommt. Viele Opfer leiden bis heute“.

Es ist Alltag auf der Keupstraße: Schüler sind auf dem Heimweg, man trifft sich in den Cafés und Restaurants, ein Paar schaut sich Schmuck in einem Schaufenster an. „Hier ist meine Heimat“, sagt ein Anwohner. „Ich habe immer noch gemischte Gefühle“, meint ein anderer. „Das war ein Anschlag auf Köln, auf unsere gemeinsamen Werte“, erklärt Ahmet Erdogan von der Interessengemeinschaft (IG) Keupstraße.

Auch er hatte große Erwartungen an den Prozess: „Warum ist so vieles unter Verschluss geblieben?“ Sie habe das Urteil genau so erwartet, sagt Meral Sahin, Sprecherin der IG Keupstraße. „Den Umständen entsprechend hat das Gericht das Beste daraus gemacht.“ Aber das sei nicht genug, die Suche nach Antworten müsse weitergehen. Generalbundesanwalt Peter Frank sieht das offenbar ähnlich: Auch nach dem Ende des NSU-Prozesses will er wegen ungeklärter Fragen weiter ermitteln lassen. Vor allem die Rolle von Unterstützern der rechtsextremen Terrorgruppe sei zu klären.

Einige offene Fragen hat die Initiative „Keupstraße ist überall“ auf Plakaten zusammengefasst und diese aufgehängt. Dort heißt es zum Beispiel: „Wer waren die Helfer des NSU in Köln?“, „Wer baute die Nagelbombe in Köln zusammen?“ oder „Warum werden die Opfer bis heute nicht angemessen betreut und entschädigt?“ Mit Musik, Reden und Auftritten wird der Prozess thematisiert.

Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) erklärt unter anderem, es sei nicht gelungen, aufzuklären, wie es zu dem „massiven Behördenversagen“ kommen konnte. Tayfun Keltek, Vorsitzender des Integrationsrates der Stadt Köln, erinnert an den Wunsch, ein Denkmal an der Keupstraße zu errichten. Das sei ein „geeigneter Ort, um miteinander ins Gespräch zu kommen“.