Bildungsministerin Annette Schavan

Kämpfen um die Ehre

BERLIN.  Seit Frühjahr steht Bildungsministerin Annette Schavan unter Plagiatsverdacht. Lange ist sie aus den eigenen Reihen in Schutz genommen worden, wenn es um die Plagiatsvorwürfe im Zusammenhang mit ihrer Doktorarbeit ging.

Nun hat der Promotionsausschuss der Universität Düsseldorf, an der sie 1980 ihre Promotion über "Person und Gewissen" verteidigte, dem zuständigen Gremium empfohlen, ein offizielles Verfahren einzuleiten, in dem geklärt werden soll, ob sie vor 32 Jahren getäuscht hat, um sich den Doktortitel zu erschleichen.

Die 57-jährige Bundesministerin für Bildung und Forschung steht durch ihr Amt besonders im Fokus der Kritik. Wie könne sie glaubwürdig für die Belange der Wissenschaft eintreten, wenn sie selbst den Anforderungen an eine Wissenschaftlerin nicht gerecht werde, fragen sich viele. Und sie erinnern sich noch, wie Schavan im Februar 2011, als Karl-Theodor zu Guttenberg um den Erhalt seiner Doktorwürde kämpfte, sagte, sie schäme sich "nicht nur heimlich" für ihren Kabinettskollegen. Sie habe ja selbst viele Doktoranden begleiten dürfen.

Öffentlich geäußert hat sie sich zu den Vorwürfen nie. Ins Rollen gekommen ist die Affäre in diesem Frühjahr durch einen anonymen Hinweisgeber. Ihr Fall ist aber anders gelagert als beim damaligen Verteidigungsminister. Schavan hat Quellen nicht unterschlagen, aber sie hat den Gedankeninhalt anderer nur unzureichend in eigenen Worten wiedergegeben.

Eine Reihe namhafter Wissenschaftler hat sich deshalb sogar hinter sie gestellt und die Aberkennung des Doktortitels als überzogen bezeichnet. Viele Autoren, deren Werke sie damals zitierte, sind längst gestorben. Die wenigen, die noch leben, fühlen sich nicht beschädigt durch sie.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" will gehört haben, dass Schavan selbst schon an Rücktritt gedacht haben soll. Sie ist sich bewusst, unter welchem Druck sie steht. Das Blatt zitierte den FDP-Forschungspolitiker Martin Neumann mit den Worten: "Sie ist verantwortungsvoll genug, um zu wissen, welche Konsequenzen sie - je nach Ausgang - zu ziehen hat." Allerdings ist die Frage, ob Schavan nicht schon zurücktreten müsste, wenn der Promotionsrat der Uni Düsseldorf das Prüfungsverfahren am 22. Januar erst einmal nur einleitet.

Das Datum ist nicht ohne Bedeutung. Das Gremium der Universität trifft sich zwei Tage nach der Landtagswahl in Niedersachsen, wo die schwarz-gelbe Koalition wackelt. Der Rücktritt einer CDU-Ministerin im Bund vor dieser Wahl würde auch einen Schatten auf die amtierende Regierung unter David McAllister werfen. Schavan würde möglicherweise der Rücktritt nicht mehr verwehrt, wenn sie am 22. Januar ihren Hut nehmen will.

Einen ersten Rückzug hat sie bereits angetreten: Anfang Dezember gab sie nach 14 Jahren im Amt den stellvertretenden CDU-Bundesvorsitz ab. Angeblich wollte sie jüngeren Parteifreunden Platz machen. Öffentlich gibt sie sich kämpferisch. "Ich möchte Ministerin bleiben über die Bundestagswahl hinaus", sagte sie im Interview der "Welt".

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