Kommentar zum US-Vorwahlkampf

Königsmörder gesucht

Donald Trump am Tag des Vorwahl-Triumphes.

Donald Trump am Tag des Vorwahl-Triumphes.

Die Republikaner hoffen darauf, dass sich ein politischer Königsmörder für Donald Trump findet.

Obwohl die Meinungsforschung das Beben seit Monaten stabil vorausgesagt hatte, stand Amerika gestern mit weit aufgerissenen Augen vor dem politischen Andreas-Graben, der sich nach den Vorwahlen in New Hampshire auftut: Die Kantersiege des New Yorker Bauunternehmers Donald Trump bei den Republikanern und des sozialdemokratisch getakteten Senators Bernie Sanders auf demokratischer Seite stehen für einen monumentalen Stinkefinger. Die Wähler beider großen Parteien haben die Geduld mit der eingefahrenen Werkstatt Washingtons und den herkömmlichen Technikern der Macht endgültig verloren.

Dass der sonst bei der Kandidatenauswahl ausgesprochen treffsichere Bundesstaat New Hampshire einen bisher durch nicht als Populismus, Sexismus und Rassismus aufgefallenen Milliardär und einen ergrauten Kapitalismuskritiker auf den Schild gehoben hat, zeigt: die Unterströmungen in der amerikanischen Demokratie sind keine Einbildung mehr. Wenn die beiden herrschenden Parteien nicht klug auf die Zangenbewegung des Souveräns reagieren, der alles Etablierte von links wie rechts attackiert, könnten das ganze Fundament fortgeschwemmt werden. Noch ist Zeit genug, um auf die Warnschüsse zu reagieren.

Handlungsdruck ist enorm für Clinton-Anhänger und Trump-Gegner

Für die Anti-Trump-Front und die konsternierten Hillary Clinton-Anhänger ist der Handlungsdruck aber enorm. Beide Lager müssen das Zeitfenster bis zu den Super-Wahltagen 1. und 15. März nutzen, wenn knapp 20 Bundesstaaten auf eine Schlag wählen. Es gilt zu stoppen, was Wahlkämpfe in den USA entscheidet: Momentum. Die Dynamik des Siegens.

Hier sieht es auf demokratischer Seite deutlich freundlicher aus. Hillary Clinton hat die Chance, schon bis Ende dieses Monats durch Siege in Nevada und South Carolina das „Bernie“-Fieber zu lindern. In beiden Staaten steht die frühere First Lady bei zwei wichtigen Wählergruppen – Afro-Amerikanern und Latinos – hoch im Kurs. Sanders, der politisch im weißen Vermont nahe der kanadischen Grenze gewirkt hat, ist im Süden ein „Nobody“ und in der programmierten Schlammschlacht um die Gunst ethnischer Minderheiten benachteiligt.

Bei den Republikanern ist die Lager prekärer. Hinter Trump drängeln sich fünf mehr oder minder etablierte Kandidaten, die in New Hampshire gemeinsam rund 60 Prozent der Stimmen einfuhren. Solange sie sich weiter kannibalisieren und gegenseitig die Stimmen abjagen, umso besser für Trump. Der Egozentriker wird seine Position weiter ausbauen und festigen. Die Frage ist also: Wer von den Herren Kasich, Bush, Cruz, Rubio und Christie (die übrigen Namen kann man getrost vergessen) übernimmt die Initiative, bietet sich als Prellbock gegen Trump an oder macht den Weg für einen aussichtsreicheren Kontrahenten frei? Die republikanische Partei sucht nicht weniger als einen Königsmörder.