Die neuen Gastarbeiter

Jung, flexibel, hochqualifiziert

BONN. Viele Südeuropäer kommen seit Beginn der Euro-Krise nach Bonn. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist nicht leicht. Perfektes Deutsch ist für die Einstellung meist eine Voraussetzung.

Max Mustermann aus Musterstadt ist mittlerweile ein alter Bekannter von Juan Pablo Carrasco Pascual und Nikos Kouvelas. "Fit für Finanzen" soll sie die Lektion in ihrem Deutschbuch machen. Den Kursus der Mittelstufe am Goethe-Institut Bonn besuchen die beiden jetzt schon seit zwei Wochen. Max Mustermann hat seine Bankkarte verloren.

Carrasco Pascual hat auch etwas verloren. Seinen Job. Abitur, abgeschlossenes Physikstudium, Promotion, Auslandserfahrung: Der Spanier hat alles richtig gemacht. Könnte man meinen. Trotzdem ist der 36-Jährige arbeitslos. Und trotzdem will er nicht zurück nach Spanien. Zumindest vorerst.

In seiner Heimat sieht es für junge Arbeitswillige derzeit alles andere als rosig aus. Viele seiner Freunde sind ohne Job. Die Arbeitslosigkeit stieg in Spanien im ersten Quartal 2012 auf 24,4 Prozent - die höchste Quote aller 17 Euroländer, einschließlich Griechenlands. Bei der jungen Generation ist fast jeder Zweite ohne Arbeit.

Südeuropäer suchen Chance in Deutschland

Tausende Südeuropäer strömen seit Beginn der Schuldenkrise nach Deutschland. Die meisten sind jung und hochqualifziert wie der Madrilene Carrasco Pascual, der inzwischen rund zwei Jahren hier lebt. Er hat ein Verkehrszeichenerkennungssystem für Autos entwickelt, neun Monate an der Uni Koblenz gearbeitet und 17 Monate bei einem Recycling-Unternehmen in Mülheim-Kärlich. Dann ist sein Vertrag ausgelaufen.

"In Spanien gibt es nicht so viel Industrie wie in Deutschland", sagt Carrasco Pascual. "Und wenig Forschung." Für ihn ausschlaggebend, weiter hier nach Arbeit zu suchen. "Außerdem sind die spanischen Arbeitsbedingungen sehr schlecht. Mehr als 50 Stunden zu arbeiten ist normal. In Deutschland habe ich das anders erlebt." Sein Eindruck: "Hier gibt es mehr Respekt für die Arbeit."

Das Goethe-Institut ist für junge Südeuropäer, die nach Deutschland kommen, oft die erste Anlaufstelle. Auch in Bonn. "Seit der Krise lernen hier mehr Südeuropäer", sagt Deutschlehrerin Monika Vetter. 2011 waren es im Bonner Goethe-Institut 13 Prozent mehr Spanier als im Vorjahr und sogar 50 Prozent mehr Griechen.

Weltweit verzeichneten die Goethe-Institute nach eigenen Angaben zweistellige Zuwachsraten. Wichtigster Wachstumsmarkt: Südeuropa. "Es sind vor allem junge Leute, die sich für unsere Kurse interessieren", sagt Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts. "Nicht weil sie Goethe und Schiller im Original lesen möchten, sondern weil sie im Beruf weiterkommen wollen."

Genau deswegen investiert Carrasco Pascual seine Ersparnisse und einen Teil des Hartz-IV-Satzes in einen vierwöchigen Sprachkursus. Kostenfaktor: 995 Euro. Dabei spricht er sehr flüssig, wenn er erklärt, dass er Tests zur Optimierung von Röntgenmaschinen durchgeführt hat. "Ich spreche gut Deutsch, aber für den perfekten Ausdruck bei einem Meeting reicht es noch nicht."

Perfektes Deutsch als Voraussetzung

Seit über vier Monaten schreibt er Bewerbung um Bewerbung, insgesamt 51 Stück - bisher ohne Erfolg. "Die meisten Arbeitgeber verlangen ein perfektes Deutsch. Das kann ich auch verstehen, aber wenn der Fachkräftemangel in Deutschland behoben werden soll, müssen deutsche Arbeitgeber auch flexibler werden", findet der Physiker.

Ähnlich äußert sich auch die Zentrale Auslandsvermittlung (ZAV) in Bonn. "Die Kompromissbereitschaft bei den deutschen Arbeitgebern ist punktuell da", sagt ZAV-Sprecherin Beate Raabe vorsichtig. Das Bewusstsein ändere sich allmählich. "Die Unternehmen verbessern ihre Einstellungschancen, wenn sie sich für ausländische Fachkräfte noch interessanter machen." Sinnvoll sei es, als Arbeitgeber ausländischen Fachkräften Deutschkurse anzubieten und ihnen beim Start zu helfen, etwa bei der Suche einer Wohnung oder bei Behördengängen.

Und trotzdem: Der Biologe Francisco Gasulla aus Valencia hat es geschafft. Vor anderthalb Jahren kam der Wissenschaftler nach Bonn und arbeitet seither am Institut für zelluläre und molekulare Botanik der Universität. "Der Einstieg gelang auch deshalb ohne Probleme, weil die Forschungssprache Englisch ist", sagt der 35-Jährige, der Wege sucht, Pflanzen gegen extreme Trockenheit resistenter zu machen. Ein Vorhaben, das vielen Regionen seiner Heimat helfen könnte. "In Deutschland ist das sicher kein Problem", sagt Gasulla. Seit der Krise werde aber gerade im Bereich der Forschung in Spanien gespart. "In Deutschland gibt es für mich viel mehr Möglichkeiten."

Demnächst wird er trotzdem zurückgehen, nicht nur, weil er möchte, dass sein Land von seinem Wissen profitiert, sondern auch der Liebe wegen. Seine spanische Freundin ist dort als Lehrerin verbeamtet. Die Krise nimmt keine Rücksicht auf Gefühle. Er kehre zurück "sin nada", sagt er, "ohne irgendetwas", zunächst ohne berufliche Perspektive.

Im Sprachkursus studiert der Grieche Nikos Kouvelas über sein Deutschbuch vertieft die Finanzprobleme des Herrn Mustermann. Nicht zu vergleichen mit denen, die seine Heimat derzeit bewältigen muss. Der 19-Jährige hat Athen im Januar verlassen, um in Deutschland Medizin zu studieren. Jetzt lebt er bei Freunden seiner Eltern in Beuel. Ärzte werden in Deutschland dringend gesucht.

Heimweh nach Griechenland

Aber ob Kouvelas nach seinem Studium bleiben wird? "Eigentlich will ich zurück nach Griechenland. Ich vermisse das Wetter und meine Familie". Und wenn er das sagt, glaubt man, ihm das Heimweh ansehen zu können. Ob er in Griechenland eine Zukunft hat, weiß er allerdings nicht. Sein Bruder ist Ingenieur, hat in der Heimat keine Arbeit gefunden und ist in die USA ausgewandert. Der Wettbewerb der westlichen Länder um die qualifiziertesten Fachkräfte ist groß. Gerade Ingenieure, Ärzte und Krankenpfleger aus Südeuropa wirbt die Zentrale Auslandsvermittlung an. 290 Fachkräfte hat die ZAV nach eigenen Angaben im Jahr 2011 aus dem Ausland nach Deutschland vermittelt. Nicht gerade viel.

Manche Arbeitgeber würden im letzten Moment abspringen, sagt Sprecherin Raabe. "Außerdem werden Ingenieure und Fachkräfte im Gesundheitswesen in allen westlichen Industrieländern gesucht. Die Bewerber können sich für das Land mit dem besten Angebot entscheiden." Die deutsche Sprache sei ein Wettbewerbsnachteil.

Alberto Fernández Moreno aus Málaga hat sich trotzdem bewusst für Deutschland entschieden. "Ich hatte noch an Belgien gedacht, an die Niederlande oder auch an Frankreich, aber Deutschland geht es trotz Krise einfach am besten", sagt der Wirtschaftsingenieur. Dass er nicht flexibel genug ist, kann man dem 33-Jährigen, der seit einem halben Jahr in Bonn lebt, nicht vorwerfen: Er hat drei Jahre in Madrid bei einer Baufirma gearbeitet, war ein Jahr bei einem Dienstleistungsunternehmen in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad beschäftigt - und ist jetzt Kellner in Bonn.

"Für den Übergang ist es in Ordnung. So verbessere ich mein Deutsch", findet er. Nach einem langen Tag sagt der 33-Jährige Sätze wie "Ich bin hochmotiviert" oder "Man muss positiv denken". Vormittags lernt er an einer Sprachschule in der Bonner Innenstadt, nachmittags erkundigt er sich bei der Arbeitsagentur nach neuen Stellenangeboten, abends jobbt er in der Hausbar und in der Bonner Oper.

Fünf Monate hatte er in Spanien vergeblich nach Arbeit gesucht, bis er den Schritt nach Bonn wagte. Zu vierzig Vorstellungsgesprächen in ganz Deutschland war er seither eingeladen. Manche Unternehmen hätten signalisiert, ihn einzustellen - wenn sich sein Deutsch verbessere. Ob er sich vorstellen kann, hier zu bleiben? "Para siempre", "Für immer" sagt er dann, als käme keine andere Antwort infrage.

Physiker Carrasco Pascual würde am liebsten eine Stelle in Bonn, Köln oder Frankfurt finden.Er schätzt die deutschen Städte, "weil sie nicht so stressig sind"."Gemütlich" ist ein deutsches Wort, das man nur schwer übersetzen kann. Ein "Für immer" kann der 36-Jährige sich trotzdem nicht vorstellen. Aber bis er zurückgeht, nach Spanien, möchte er eine Weile so leben wie Max Mustermann aus Musterstadt. Wenn man ihn lässt.

Höchste Zuwanderung seit 15 Jahren

Die Schuldenkrise und die EU-Erweiterung haben die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland auf den höchsten Wert seit 15 Jahren steigen lassen. Rund 958.000 Menschen sind 2011 nach Deutschland gezogen, 20 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden kürzlich auf der Basis vorläufiger Zahlen mitteilte. Aus allen EU-Ländern kamen mehr Menschen nach Deutschland als im Vorjahr.

Die Zuwanderung aus EU-Ländern, die von der Finanzkrise schwer betroffen sind, erhöhte sich sehr deutlich: Besonders stark war der Anstieg aus Griechenland und Spanien, die stark unter der Schuldenkrise leiden.  Aus Griechenland kamen 90 Prozent mehr Einwanderer als im Jahr 2010 und aus Spanien 52 Prozent mehr Einwanderer. Deutlich zugenommen haben die Zuzüge auch aus den Ländern, die 2004 der EU beigetreten sind und seit Mai freien Zugang zum Arbeitsmarkt haben wie Polen und Ungarn.