Erdbeben, Tsunami, Atom-GAU

Japan und die Welt erinnern an die Katastrophe von Fukushima

Erster Jahrestag der Katastrophe.

Tokio/Berlin. Eine bis dato nie dagewesene Katastrophe in Japan schockiert 2011 die Welt. Ein Jahr danach erinnern Menschen weltweit an Erdbeben, Tsunami und Atom-GAU. In Deutschland machen Kernkraftgegner mobil.

Mit einer Gedenkzeremonie und vereinzelten Demonstrationen gegen die Atomenergie begehen die Japaner an diesem Sonntag den ersten Jahrestag der Erdbeben-, Tsunami- und Atomkatastrophe vom 11. März 2011. Um 14.46 Uhr Ortszeit (06.46 MEZ) legen vor allem die Menschen in den vom Tsunami verwüsteten Küstengebieten im Nordosten des Inselreiches eine Schweigeminute für die mehr als 15.800 Todesopfer ein; mehr als 3000 Menschen werden auch ein Jahr danach noch immer vermisst.

Weltweit wird ebenfalls an die größte Katastrophe in Japan seit dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Atomkraftgegner und Umweltverbände wollen in vielen Teilen Deutschlands auf die Straße gehen. Unter dem Motto "Fukushima mahnt - Atomanlagen jetzt abschalten" sind Demonstrationen in Gundremmingen, Neckarwestheim, Gronau, Hannover und Brokdorf geplant. Im Braunschweiger Land rund um das marode Atommülllager Asse wird eine 75 Kilometer lange Lichterkette organisiert. Die Veranstalter rechnen bei den Aktionen mit mehr als 20.000 Teilnehmern.

Auch in anderen Staaten machen Menschen am Fukushima-Jahrestag gegen die Kernkraft mobil. In Frankreich wollen Umweltschützer zwischen Lyon und Avignon eine Menschenkette bilden. Das Nachbarland setzt im Unterschied zu Deutschland weiter auf Kernenergie - Präsident Nicolas Sarkozy hält die 58 Atomreaktoren für sicher und will ihre Laufzeiten über die vorgesehenen 40 Jahre hinaus verlängern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verteidigte in ihrer Video-Botschaft im Internet den nach Fukushima beschlossenen beschleunigten Atomausstieg in Deutschland. Er sei richtig gewesen. "Wir haben doch in einem hoch entwickelten Industrieland gesehen, dass Risiken aufgetreten sind, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Das hat mich davon überzeugt, dass wir den Ausstieg beschleunigen sollten." Die Versorgung lasse sich durch andere Energieträger sicherstellen.

"Nadelöhr" seien die Netze, sagte Merkel. Sie müssten mehr Strom aus erneuerbaren Energien aufnehmen. Für den Transport brauche Deutschland große Übertragungsnetze vom Norden in den Süden. "Da liegt unsere Schwachstelle, und deshalb hat der Netzausbau auch die absolute Priorität." Deutschland habe eine gute Chance, Marktführer bei erneuerbaren Energien zu werden.

Der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, warf der Regierung Versagen vor. Die Energiewende müsse deutlich beschleunigt werden. "Die Bundesregierung hat den endgültigen Atomausstieg leider auf die lange Bank geschoben. Das ist angesichts der Risiken der Atomkraft und der ungelösten Atommüllprobleme unverantwortlich." Schwarz-Gelb blockiere den raschen Umstieg auf erneuerbare Energien.

Auch die Grünen-Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin kritisierten, die notwendige Energiewende sei bis heute weder eingeleitet noch vollzogen. "Statt der von Schwarz-Gelb ausgerufenen "Revolution" deutet mehr auf eine Konterrevolution in der Energiepolitik hin." Die zentrale Gedenkzeremonie der japanischen Regierung findet im Nationaltheater von Tokio statt. Dazu wird auch der kürzlich am Herzen operierte Kaiser Akihito erwartet.

Bis zu 15 Meter hohe Flutwellen hatten vor einem Jahr japanische Städte und Dörfer verwüstet. 115.000 Gebäude entlang eines 400 Kilometer langen Küstenstreifens wurden vollständig zerstört. Mehr als 340.000 Menschen mussten in Folge der Katastrophe ihre Heimat verlassen. Allein gut 87.000 Menschen flohen vor der Gefahr einer Verstrahlung durch das vom Tsunami zerstörte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi.

Weite Gebiete nahe der Atomruine sind so verstrahlt, dass eine Rückkehr der Menschen als höchst ungewiss gilt. In drei Reaktoren des Atomkraftwerks war es nach Erdbeben und Tsunami zu Kernschmelzen gekommen; Radioaktivität wurde massiv freigesetzt. Es dauerte Monate, ehe die japanische Regierung den Super-GAU zugab. Inzwischen haben die Reaktoren nach Darstellung der Regierung einen Zustand der Kaltabschaltung erreicht und sind unter Kontrolle. Frühestens in zehn Jahren kann damit begonnen worden, sie zu entkernen.

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Yukiya Amano, äußerte angesichts der immensen Katastrophenfolgen Verständnis für Atomkraftskeptiker. "Ich verstehe die Sorgen der Menschen, die Vertrauen in die Kernenergie verloren haben", sagte Amano der Nachrichtenagentur dpa am Freitag.

"Ich verstehe, dass sich deshalb Deutschland aus der Kernenergie zurückzieht." Amano weiter: «Ich kann nicht garantieren, dass so ein Unfall nicht wieder passiert." Doch Fukushima sei auch ein "Weckruf" für Industrie und Behörden gewesen. Danach seien die internationalen Sicherheitsstandards deutlich höher geschraubt worden.