Wissenschaft

In der Champions League der klugen Köpfe

Mathematische Tafelrunde: Catharina Stroppel und Karl-Theodor Sturm forschen im Hausdorff Zentrum für Mathematik, kümmern sich aber auch um die Rahmenbedingungen, damit die Bonner Mathematik weiter in der Champions League spielt.

Mathematische Tafelrunde: Catharina Stroppel und Karl-Theodor Sturm forschen im Hausdorff Zentrum für Mathematik, kümmern sich aber auch um die Rahmenbedingungen, damit die Bonner Mathematik weiter in der Champions League spielt.

Bonn. Nordrhein-Westfalen verfügt über eine vielfältige Hochschullandschaft. Im Wettbewerb um Exzellenz geht es aber immer auch um Geld – und da haben im In- und Ausland manchmal andere die Nase vorn.

Marmorsäulen, schmiedeeiserne Gitter, edles Holz und Bleiverglasungen – mathematische Exzellenz gedeiht an der Endenicher Allee in Bonn in einem noblen Rahmen. In der früheren Landwirtschaftskammer Rheinland residiert heute das 2006 gegründete Hausdorff Zentrum für Mathematik. Ein Kind der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder. Zusammen geschmiedet aus vier Instituten der Bonner Uni mit dem Bereich der theoretischen Ökonomie, in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut.

Entlang der Flure arbeiten mehr als 60 Professoren aus aller Herren Länder in zehn Forschungsgebieten an Themen der Reinen und Angewandten Mathematik. Unter ihnen Gerd Faltings, einziger deutscher Träger der Fields-Medaille, Ersatz für den fehlenden Nobelpreis der Mathematik. Deutschlands jüngster Professor hat hier sein Büro, genauso wie mehrere Leibniz-Preisträger. Ein Exzellenzcluster, Leuchtturm der deutschen Wissenschaftslandschaft.

Direktor Karl-Theodor Sturm arbeitet mit seiner Kollegin Catharina Stroppel daran, dass dies so bleibt. Neben ihrer eigenen Forschung koordinieren die Professoren die Bewerbung um die nächste Stufe der Exzellenzinitiative, die nach zeitlich begrenzten Förderungsetappen auf die Langstrecke geht. Überlebenswichtig für das Institut und seine Qualitätsansprüche. Womit die Bonner punkten? Mit interdisziplinärer Zusammenarbeit. Das gilt zunächst für die Mathematiker untereinander, wo Vertreter der reinen Lehre nicht immer hochachtungsvoll auf die Protagonisten der angewandten Mathematik blickten. Schnee von gestern. „Heute ist das eine der größten Stärken des Exzellenzclusters“, sagt Sturm. Und zugleich der Lockvogel für Wissenschaftler, die sonst mit deutlich besser dotierten Stellen amerikanischer und britischer Elite-Unis liebäugeln. „Doppelt so viel“ werde dort auf den Tisch gelegt. Selbst in Europa gebe es mit der ETH Zürich für Mathematiker eine vermögendere Adresse als das Bonner Hausdorff Zentrum, das versucht, im Wettbewerb um die klugen Köpfe mit Arbeitsbedingungen und interdisziplinärem Austausch zu kontern. „Das ist wie bei Bayern München“, erklärt Sturm. „Es geht auch um Mitspieler von Weltklasse.“ Zum Beispiel die Mediziner und Biologen von ImmunoSensation, einem weiteren Exzellenzcluster.

Da fließt mathematische Forschung in Fragestellungen mit gesellschaftlicher Bedeutung: Wie lautet die Immunantwort auf Tumore? Wir wirkt sich das Altern aus? Oder wie lassen sich die von Catharina Stroppel auf ihre Beschaffenheit untersuchten Knoten für den Umgang mit der menschlichen DNA nutzen?

Elf Universitäten, 43 Graduiertenschulen und 43 Exzellenzcluster fördert die erstmals 2005 ausgelobte Exzellenzinitiative derzeit. 4,6 Milliarden Euro sind so in die deutsche Hochschul- und Wissenschaftslandschaft geflossen, die sich maßgeblich vom angelsächsisch geprägten System unterscheidet: In der Bundesrepublik gibt es ein weitgehend staatlich finanziertes, föderal organisiertes Hochschulsystem, darauf ausgelegt, jeden Abiturienten aufzunehmen. Ein egalitärer Ansatz, der dazu führt, dass der Begriff Elite in Deutschland immer wieder heiß diskutiert wird. Überdies ist die wissenschaftliche Spitzenforschung nicht allein an Hochschulen angesiedelt, sondern gedeiht auch in Forschungseinrichtungen wie der Max-Planck- und der Fraunhofer-Gesellschaft sowie der Leibniz-Gemeinschaft.

Für Kritiker der Elitenbildung geht es unter anderem darum, dass in Lehre nicht im gleichen Maße wie in Forschung investiert werde, Exzellenzförderung Ungleichheiten zementiere, besonders wenn die im Oktober 2017 startende nächste Stufe nicht mehr befristet, sondern auf Dauer angelegt sei. Bis hin zu der Frage, ob und wie sich Exzellenz messen lasse.

Ein Verteilungskampf. Los geht er im Vergleich der Bundesländer, in deren Bildungshoheit die Exzellenzinitiative eine Schneise schlägt. So zählen bis heute die RWTH Aachen und die Universität zu Köln aus dem bevölkerungsreichsten NRW zum Kreis der Elite-Unis, während sich Bayern ebenfalls über zwei und Baden-Württemberg sogar über drei Unis aus der ersten Liga freuen konnten. Zehn Bundesländer gingen leer aus. Bei den Exzellenzclustern, die Fachbereiche interdisziplinär bündeln, sind in NRW neben Aachen, Bonn und Köln unter anderem Münster, Bochum und Bielefeld dabei. Diese üblichen Verdächtigen trifft wieder, wer auf die ebenfalls geförderten Graduiertenschulen blickt, an denen Doktoranden vernetzt und an die wissenschaftliche Elite herangeführt werden sollen.

Doch die NRW-Hochschullandschaft ist vielfältiger: Insgesamt 70 Hochschulen, darunter 14 öffentlich-rechtliche Universitäten, 16 Fachhochschulen, sieben staatliche Kunst- und Musikhochschulen, 28 anerkannte private und kirchliche Hochschulen sowie fünf Verwaltungshochschulen zählt das Land. Aus dessen Geschichte heraus mischen sich Traditionsuniversitäten wie Aachen, Bonn, Köln und Münster mit neu gegründeten Reform-Unis. Im Zuge des Strukturwandels im Ruhrgebiet gründete das Land 1965 die Bochumer Ruhr-Universität, die erste neue Hochschule seit 1870. Ihr Ziel war es, das Bildungsniveau der Arbeiterkinder zu steigern und der Wirtschaft neue Fachkräfte zu verschaffen. Dortmund, Bielefeld, Düsseldorf, Essen, Duisburg, Wuppertal, Siegen, Paderborn, die Fern-Uni Hagen und mit Witten-Herdecke die erste Privat-Uni Deutschlands – wie Pilze schossen Unis und Gesamthochschulen aus dem Boden.

Doch es braucht immer wieder Impulse. Im Oktober lobte NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze (SPD) zum neunten Mal ein Programm aus, um vielversprechende Wissenschaftler zurück nach NRW zu locken. 26 sind dem Ruf gefolgt, für drei weitere stellt das Land 3,75 Millionen Euro zur Verfügung, um ihnen den Aufbau einer Forschungsgruppe an einer NRW-Hochschule zu ermöglichen. Und das ist nicht das Ende der Fahnenstange: 8,45 Milliarden Euro machte NRW im September für Hochschulen und Forschung locker. Ein Rekordhaushalt, der zweitgrößte aller Ministerien. „Nie zuvor wurde so viel in Wissenschaft und Forschung investiert“, jubelte Ministerin Schulze.

Kritiker kreiden ihr an, dass die Abschaffung der Studiengebühren, ein Geschenk von Rot-Grün im Landtagswahlkampf 2010, bis heute nicht kompensiert sei. CDU-Chef Armin Laschet sieht dagegen die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Hochschulen und Wirtschaft beeinträchtigt: „Wirtschaft braucht Innovation. Nordrhein-Westfalen braucht die Wiederbelebung der Hochschulfreiheit.“

Derweil steigt die Zahl der Studenten: 755 000 junge Leute drücken im Wintersemester 2016/2017 die Bänke in den Hörsälen. Fast 10 000 Studenten mehr als im Vorjahr. Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs strömt an die Hochschulen, eine „heterogene Studentenschaft“, wie Hochschullehrer beschreiben. Die Folge: Universitäten bieten standardmäßig Vorkurse zum Beispiel in Mathe an, um die Studierfähigkeit sicherzustellen, die nicht alle von der Schule mitbringen. Ein weiteres Problem: die Abbrecherquote. Nur etwa 50 bis 60 Prozent studieren zu Ende. Und was die Zahl der Studierenden angeht, sind die Grenzen des Wachstums in Sicht: Ab 2020 sinken die Zahlen nach Expertenprognosen stetig. Auch wenn ein Studium in NRW für Ausländer immer attraktiver wird: 86 539 von ihnen waren im vergangenen Wintersemester an Universitäten und Hochschulen im Land eingeschrieben, 4400 mehr als im Vorjahr. Damit hatte jeder neunte Student an Rhein und Ruhr einen ausländischen Pass. Die Spitzengruppe nach Nationen: Türkei, gefolgt von China, Österreich, Indien und Russland. Die beliebtesten Fächer sind Mathe, Informatik, Wirtschafts-, Natur- und Ingenieurwissenschaften.

An der Hochschullandschaft wird weiter kräftig gebaut. Auf übergeordneter Ebene zum Beispiel mithilfe des Hochschulentwicklungsplans (LHEP), der Anfang 2017 für fünf Jahre in Kraft tritt. Mit Zielen wie der Steigerung des Studienerfolgs, Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit oder Digitalisierung der Lehre. Aber auch ganz praktisch geht es voran: Drei Milliarden Euro investiert NRW in 25 Projekte unter anderem an der Kölner Sporthochschule, dem Campus Deutz der TH Köln und am Campus Poppelsdorf.

Wer sich in direkter Nähe mit den Mathematikern Sturm und Stroppel an einen Tisch setzt, lernt viel darüber, wie der Wissenschaftsbetrieb tickt. Da geht es zuallererst um Menschen mit Ideen und deren Arbeitsbedingungen. Doch was hehr klingt, ist in vielen Details käuflich. Bis auf das Miteinander, die Begeisterung und die Verfügbarkeit des Wissens, das weitergegeben werden will. Für Stroppel ganz wichtig. „Exzellenz ist auch Verpflichtung“, findet sie. Und die nehmen die Mathematiker ernst – nicht nur in Bezug auf die Doktoranden ihrer Graduiertenschule, sondern auch auf Bonner Schüler, die sie mit Unterrichtsbesuchen für Mathe begeistern wollen.

Und dennoch wirkt es wie ein Fingerzeig, dass hinter der Glastür des früheren Kassenraums im Marmor-Foyer der früheren Landwirtschaftskammer heute die mathematische Fachbibliothek beheimatet ist. Auch in der Wissenschaft geht es eben nur mit Geld voran. Vorausgesetzt, man kann rechnen. Vielleicht sogar Mathematik.