Blutige Kampagne

In Pakistan stoppen Extremisten mit Mordserie Polio-Impfungen

BANGKOK.  An dem Tag, an dem in Pakistan das neunte Opfer einer gezielten Mordserie starb, mit der radikalislamische Extremisten eine landesweite Impfkampagne gegen Polio bekämpfen, hatte endlich auch einmal ein Teil der islamischen Mullahs genug vom Fanatismus.

"Weder pakistanische noch islamische Sitten erlauben so etwas", schimpfte Tahir Ashrafi, der Vorsitzende des gemäßigten "Pakistan Ulema Rats" und verkündete, dass am Freitag in 24.000 Moscheen des knapp 200 Millionen Einwohner zählenden Landes gegen die Mörder und für die Impfkampagne gepredigt würde. "Diese ermordeten Mädchen sind Märtyrer des Islam, denn sie haben versucht, der Menschheit und dem Islam einen Dienst zu erweisen", sagte Ashrafi.

Doch einen Beschluss der Weltgesundheitsorganisation, die landesweite Impfkampagne zumindest teilweise bis auf weiteres einzustellen, können diese Mullahs nicht rückgängig machen. Zwar führen rund 6000 Helfer der pakistanischen Regierung unter dem Schutz von 3000 Polizisten im Osten des Landes die Kampagne fort.

Aber in Karachi und entlang der Grenze zu Afghanistan setzten sich die fanatischen Extremisten durch, die ihre politischen Ziele über das Interesse der Gesundheit von Kindern stellen. Pakistan gehört neben Afghanistan und China zu den einzigen Ländern der Welt, in denen Kinderlähmung noch nicht ausgerottet ist.

198 Fälle wurden im letzten Jahr bekannt, die überwiegende Anzahl in der verarmten und vernachlässigten Gegend entlang der Grenze zu Afghanistan, in der in weiten Landstrichen die radikalislamischen Talibanmilizen und ihnen nahestehende Gruppen das Sagen haben. Die Begründung der Extremisten: Bei den Helfern, die für einen dreitägigen Einsatz rund 15 Euro erhalten, handele es sich um ausländische Agenten.

Ihre Propaganda bekam Auftrieb durch die Enttarnung des inzwischen zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilten pakistanischen Arztes, der im Auftrag des US-Geheimdienstes CIA unter dem Vorwand einer Impfkampagne den Unterschlupf von Al-Kaida-Gründer Osama bin Laden in der Stadt Abbottabad auskundschaften sollte. Aber religiöse Extremisten im Swat-Tal behaupteten erstmals bereits im Jahr 2005, dass Impfkampagnen ein Hilfsmittel der "Ungläubigen" seien. In der Waziristan-Gegend, in der sich gegenwärtig besonders viele radikale Gruppen verschanzen, verhinderten die Extremisten Anfang diesen Jahres die Impfung von einer Viertelmillion Kinder.

In der Grenzstadt Peshawar löste die Anschlagserie zusammen mit einer Reihe von Bombenattacken Panik aus. "Die Straßen sind leer", berichtet ein Bewohner der Stadt, "niemand wagt sich aus dem Haus aus Frucht vor neuen Anschlägen." Dank der Verhinderungstaktik der Gotteskrieger nimmt die Zahl der Polio-Erkrankungen in Pakistan seit einigen Jahren wieder zu. Die Entwicklung befeuert Befürchtungen, dass sie zum Kern einer weiteren Ausbreitung in Afghanistan anwachsen könnten.

Zudem fürchten Experten, dass wegen des Stopps der Polio-Impfungen in der Wirtschafts- und Hafenmetropole Karachi - mit rund 20 Millionen Einwohnern eine der größten Städte der Welt - die Erreger den Weg über die Grenze ins benachbarte Indien finden könnten. Das wäre ein herber Rückschlag in der Bekämpfung der Kinderlähmung. Denn aus dem 1,2 Milliarden Einwohner zählenden Land wurden seit Jahren keine neuen Polio-Fälle gemeldet.

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