Balance-Akt Bildungsaufstieg

Immer weniger Kinder aus nichtakademischen Haushalten studieren

BONN/KÖLN. Zu wenige Arbeiterkinder studieren in Deutschland. Initiativen wollen ihre Bildungschancen, etwa durch Mentorenprogramme an den Unis, verbessern - auch in Köln und Bonn.

"Ich habe alle Schulabschlüsse gemacht, die es in Deutschland so gibt", sagt Alexa Wedekind. "Ein langer Weg. Das würde ich heute nicht noch einmal so wiederholen."

Angefangen hat alles in Wuppertal, mit einem Hauptschulabschluss 9 a, der unter dem regulären Hauptschulabschluss liegt. Heute hat Wedekind ihren Master in Psychologie und Philosophie an der Universität Bonn abgeschlossen. Dazwischen liegen viele Jahre und vor allen Dingen Durchhaltevermögen. Wedekind machte zunächst an der Volkshochschule den regulären Hauptschulabschluss und den Realschulabschluss nach und absolvierte eine Ausbildung zur Reiseverkehrsfrau. Doch irgendwann reichte ihr das nicht mehr.

Ihre Initialzündung: Die Reisebüro-Filiale, in der sie arbeitete, lag direkt neben der Universität Wuppertal. Wedekind, in deren Familie niemand studiert hatte, kam zum ersten Mal in Kontakt mit dem akademischen Milieu. "Vorher dachte ich immer, Studenten seien Teil einer Welt, zu der ich nicht gehöre. Sie seien die Auserkorenen, die studieren dürfen", berichtet Wedekind. "Dann erkannte ich, dass ich mich kaum von den Studenten unterscheide. Ich wollte selbst Teil dieser Welt des Wissens sein, die sich mir da eröffnete." Sie holte das Abitur an einem Berufskolleg nach und erhielt Schüler-Bafög, das sie nicht zurückzahlen musste. "Das war wichtig für mich. So war ich von meinen Eltern finanziell unabhängig." Nun hat die heute 37-Jährige ein neues Ziel vor Augen: "Jetzt möchte ich promovieren."

Aber Wedekinds Weg bleibt eher ein Einzelfall. Das belegen die Ergebnisse der kürzlich erschienenen Bildungsstudien. Sowohl die Untersuchung der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) als auch der Vodafone-Stiftung zeigen: Chancengleichheit in Sachen Bildung besteht in Deutschland nicht.

"Die Beteiligung an Hochschulbildung ist in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig und zudem sehr stark von der sozialen Herkunft abhängig", konstatiert Steffen Schindler, Autor der Studie "Aufstiegsangst?" der Vodafone-Stiftung. "Akademikerkinder verfügen heute über eine etwa sechsmal so hohe Chance, ein Studium aufzunehmen, wie junge Menschen aus bildungsfernen Elternhäusern", heißt es in der Studie.

Und in der Untersuchung der OECD ist zu lesen: Deutschland gehöre (zusammen mit Estland und Island) zu den wenigen Ländern, in denen, was den Bildungsstand angehe, eine Abwärtsbewegung auszumachen sei. Nur 20 Prozent der jungen Erwachsenen seien höher gebildet als ihre Eltern, während 22 Prozent einen niedrigeren Abschluss haben. Vor diesem Hintergrund bemerkenswert: Deutschland liegt mit seinen Bildungsausgaben weiterhin unterhalb des OECD-Durchschnitts.

An den Kölner Hochschulen haben laut der 19. Sozialerhebung des Studentenwerks (Stand 2010) 62,9 Prozent der Studenten ein Elternteil mit Hochschulreife. Dagegen sagten nur 11,3 Prozent der Kölner Studenten, der höchste Schulabschluss der Eltern sei ein Hauptschulabschluss, und lediglich 24,3 Prozent gaben an, der höchste Abschluss eines Elternteils sei die Mittlere Reife. Für den Hochschulstandort Bonn reichen die Fallzahlen nach Angaben des Hochschul-Informations-Systems für eine getrennte Auszählung nicht aus. Steffen Schindlers Studie zeigt jedoch: Insgesamt erreichen in Deutschland zwar mehr Jugendliche aus bildungsfernen Haushalten eine Studienberechtigung, gerade über die Fachhochschulreife, aber immer weniger ergreifen ein Studium. "Während Mitte der 1970er Jahre noch etwa 80 Prozent dieser Studienberechtigten ein Studium anstrebten, sind dies 30 Jahre später nur noch 50 Prozent." Schindler macht folgende wesentliche Gründe der Arbeiterkinder für eine Entscheidung gegen ein Studium aus:

  • Ein Studium ist eine riskantere Bildungsinvestition als eine Ausbildung. Und Jugendliche aus Arbeiter-Haushalten neigen eher zu konservativeren Bildungsentscheidungen
     
  • Das Abitur ist für immer mehr Ausbildungsberufe eine Standardvoraussetzung.
     
  • Die Entscheidung für oder gegen ein Studium ist zunehmend nach hinten verschoben worden, auf den Zeitpunkt nach der Hochschulreife. Effekte der sozialen Herkunft machten sich dann erst bemerkbar, erklärt Schindler: Arbeiterkinder entschieden sich dann in der Regel, wie ihre Eltern, für eine Ausbildung, Akademikerkinder dementsprechend für ein Studium.
     
  • Gerade die Maßnahmen, die Türen öffnen sollten, verschließen sie gleichzeitig. Das Fachabitur führt immer öfter in eine Ausbildung und nicht in ein Studium.

Einer von Schindlers Rückschlüssen: "Ermutigende Beratung und Informationsvermittlung zur Studienplanung und -finanzierung, die sich an bildungsferne Schulabgänger richtet, könnten der sinkenden Studierquote entgegen wirken." Genau hier setzt das bundesweite Netzwerk "Arbeiterkind" an, das von der Gießener Doktorandin Katja Urbatsch gegründet wurde.

In der Bonner Ortsgruppe des Netzwerkes engagiert sich auch Alexa Wedekind. Sie möchte diejenigen unterstützen, die heute in einer ähnlichen Situation sind wie sie selbst vor Beginn ihres Studiums. Bei "Arbeiterkind" kann sich jeder melden, dem das große Konstrukt Uni noch weit weg und unheimlich erscheint. Es soll das Netzwerk ersetzen, das Akademikerkinder durch ihre Familie automatisch haben. Bildungsaufsteigerin Wedekind agiert als Mentorin für Schüler, die vor einem Studium noch zurückschrecken. "Manchmal geht es nur um ganz profane Fragen, etwa danach, wie man Bafög beantragt", erklärt Wedekind, "oder welche Möglichkeiten es gibt, ein Stipendium zu bekommen."

Hin und wieder gehen die Mentoren mit zur Einschreibung oder in die Sprechstunde des Dozenten. Aber auch psychologische Hilfe leisten die Ehrenamtler. Davon berichtet etwa Nicole Tran, die schon Studenten beraten hat, deren Eltern angedroht hatten, den Kontakt mit ihnen abzubrechen, wenn sie ein Studium aufnehmen. "Das ist eine sehr schwierige Situation", so Tran, "letztendlich kann man aber niemandem die Entscheidung für oder gegen eine Studium abnehmen", sagt die 23-Jährige.

Sie weiß aus eigener Erfahrung: Ohne die Unterstützung ihrer Eltern wäre ihr Weg womöglich anders verlaufen. Ihre Eltern sind aus Vietnam ausgewandert. In Deutschland als Arbeiter beschäftigt, haben sie alles daran gesetzt, dass die vier Kinder studieren konnten. In einem Düsseldorfer Problemviertel aufgewachsen, ist Tran heute Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, studiert in Bonn Medizin, ihr Abischnitt: 1,3.

Aber dieses erste Hindernis, der Erwerb der Hochschulreife, ist für viele Jugendliche aus Arbeiterhaushalten oft schon hoch genug. In der Studie könne gezeigt werden, dass Schüler aus bildungsfernen Familien zu selten den Versuch unternehmen, mit dem Erwerb der Hochschulreife die erste Hürde auf dem Weg zur Hochschulbildung zu nehmen, bilanziert Bildungsautor Schindler. Sein Fazit: Man müsste früher in der Bildungslaufbahn ansetzen, um soziale Ungleichheiten langfristig zu reduzieren.

Eine Initiative, die sich schon früh für Chancengleichheit einsetzt, ist das deutschlandweite Projekt "Balu und Du", das auch in Köln und Bonn besteht. Fast alle teilnehmenden Grundschulkinder kommen aus Nicht-Akademiker-Haushalten, wie die Professorin Hildegard Müller-Kohlenberg von der Universität Osnabrück berichtet.

"Man muss schon früh ansetzen, um die Weichen in eine andere Richtung zu lenken, und zwar vor dem Übergang in die weiterführende Schule", sagt die Soziologin, die das Projekt zusammen mit dem Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln vor zehn Jahren gründete.

Die Initiative setze auf das Konzept des "informellen Lernens", auf das "Lernen nebenbei", erklärt Müller-Kohlenberg. Studenten unternehmen mit Grundschulkindern einmal in der Woche für ein Jahr lang etwas Schönes. Sie gehen zusammen ins Theater, in den Zoo oder auf den Spielplatz.

"Es geht nicht um Nachhilfe", das war für die Kölner Psychologie-Studentin Nathalie Kaden sehr wichtig. Seit Mai trifft sie sich als sogenannter "Balu" mit ihrem "Mogli" Emely. Die Neunjährige und die 25-Jährige könnten Schwestern sein. Beide haben hellblonde Haare. Beide lachen viel. Und wer sie beobachtet, könnte meinen, dass sie sich schon sehr lange kennen müssten. So vertraut wirken sie. Emely läuft mit ihren roten Schuhen über ein Mäuerchen in der Kölner Innenstadt. Zwischendurch muss sie einem Gebüsch ausweichen, aber sie weiß ja, dass Nathalie sie festhält. Die Neunjährige schwankt immer ein bisschen hin und her, fast schon übermütig wirkt sie.

Dabei war Emely am Anfang sehr verschlossen, auch anderen Kindern gegenüber. "Das hat sich mittlerweile geändert", sagt Nathalie Kaden, "und mit dem Lernen in der Schule geht es seit den regelmäßigen Treffen auch viel besser."

Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge entwickeln sich Kinder durch das Projekt positiver als Schüler einer Kontrollgruppe, die nicht am Patenprogramm teilnahmen. "Wir fördern ganz bewusst Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren. Wenn ein Erwachsener dem Kind in dieser Zeit glaubwürdig begegnet, wird er nicht selten als Vorbild akzeptiert", sagt Müller-Kohlenberg. Oft gingen die Treffen der Teilnehmer noch über das Projekt hinaus. Ob Nathalie wie eine Lehrerin für Emely ist? Emely verdreht die Augen. "Nein, wie eine Freundin."

Helmi Tabib, Student der Bank- und Finanzwirtschaft, sieht sich als "großen Bruder" des achtjährigen Cihan. Der 26-jährige Kölner spielt mit Cihan, der in einem vollkommen weiblichen Haushalt lebt, Fußball und Tischtennis. "Da fehlt auch ein bisschen das männliche Vorbild", sagt der Student, dessen Eltern in den 70er Jahren aus Tunesien nach Deutschland gekommen sind. Cihan stammt aus einer türkischen Familie. "Da gibt es viele Parallelen und Erfahrungen, die ich weitergeben kann", sagt Tabib. "Ich hätte mir früher oft auch solch einen großen Bruder gewünscht", erklärt der Student.

Absolventin Alexa Wedekind berichtet, dass ihr manchmal heute noch gewisse Kenntnisse fehlen, die Studenten aus dem Bildungsbürgertum einfach mitbringen, wenn es etwa um Politik und Kultur geht. Caritas-Mitarbeiter Frank Sevenig-Held, der "Balu und Du" in Bonn koordiniert, erzählt dagegen von Grundschulkindern, die mit den Studenten in WG-Küchen sitzen und Gesellschaftsspiele spielen. Sie kommen so schon früh in Kontakt mit einem Milieu, das ihnen später Berührungsängste nehmen könnte.

Ob Emely und Cihan studieren werden, weiß niemand, aber sie werden sich vielleicht später an die Studenten erinnern, die mit ihnen den Tierpark oder das Schwimmbad besucht haben und eigentlich gar nicht so anders waren als sie selbst.