Interview mit Ernesto Cardenal

"Ich habe für eine Revolution gedichtet"

Bleibt sich treu: Ernesto Cardenal beim Interviewtermin in Bonn.

BONN. Der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal spricht über sein Sozialprojekt in Nicaragua, Marxismus und Theologie.

Priester, Poet und Revolutionär: Ernesto Cardenal ist Mitbegründer der Befreiungstheologie, einer der wichtigsten Dichter Nicaraguas und eine zentrale Figur der sandinistischen Revolution gegen Diktator Somoza. Jetzt wurde der 89-Jährige in Berlin vom Institut für Auslandsbeziehungen mit dem Theodor-Wanner-Preis für Frieden und interkulturellen Dialog ausgezeichnet. Mit ihm sprach Ebba Hagenberg-Miliu.

Herr Cardenal, was bedeutet die Auszeichnung für Sie?
Ernesto Cardenal: Der Preis bedeutet mir sehr viel, auch wegen der anderen Personen und Institutionen, die ihn schon erhalten haben. Ich bekomme ihn mit der Begründung, dass ich mich für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit eingesetzt habe. Das ist mir sehr wichtig. Aber ich fühle mich nicht unbedingt als einer der Würdigsten für diesen Preis.

Heute engagieren Sie sich für Ihre "Casa de los Tres Mundos", das "Haus der drei Welten", in Granada am Nicaragua-See. Was wird da geleistet?
Cardenal: Die Arbeit dient den Armen in Nicaragua. Dort wird Musik und Malerei, also Kultur in vielen Ausdrucksweisen gefördert. Und zwar vor allem für die Jugend, für Straßenkinder. Die Casa de los Tres Mundos ist so etwas wie ein Kulturinstitut. Gegründet hat es Dietmar Schönherr, der zuerst soziale Projekte in Nicaragua machte und dann in den Kulturbereich übergehen wollte. Ich war damals Kulturminister und habe ehrenhalber die Präsidentschaft übernommen.

Auch in Ihren Gedichten und Texten, die Sie in Deutschland lesen, geht es um eine gerechtere Gesellschaft...
Cardenal: Meine Intention war es zwar nicht, für die Gesellschaft zu schreiben. In der Praxis hat sich das aber dann so ergeben, dass meine Gedichte diesem Ziel dienen, ja. Ich habe also letztlich doch für eine soziale Veränderung, ich habe für eine Revolution gedichtet.

Kommen wir zur dritten Berufung in Ihrem Leben: zum Priestertum. Mit Gott zu sein, bezeichnen Sie als großes Glück.
Cardenal: Das Priestertum an sich war nicht so wichtig für mich. Wir Christen sind alle Priester, Propheten und König, wie es im Evangelium steht. Für mich ist die Verbindung mit Christus, die auch die Verbindung mit Gott ist, das Wichtigste. Ich komme zu Gott mit Christus. Wer zu mir kommt, kommt zu Gott, sagt Jesus.

Sie sagen, Sie seien durch das Neue Testament zum Marxisten geworden. Wie das?
Cardenal: Das Evangelium ist die gute Nachricht für die Armen. Es ist die Nachricht von ihrer Befreiung. Das hat mich dazu geführt, die Schriften von Karl Marx kennenzulernen, dessen Ziel eine gerechte, perfekte Gesellschaft auf Erden war. Und das war ja nichts anderes als das Himmelreich auf Erden, von dem das Evangelium berichtet: eine gerechte, perfekte Gesellschaft ohne Klassen. Das ist dann entweder der Kommunismus oder das Reich Gottes auf Erden.

Und dann knieten Sie 1983 vor Papst Johannes Paul II., wollten seinen Ring küssen, er aber wies Sie mit erhobenem Zeigefinger zurecht. Wie werten Sie diese Schlüsselszene heute?
Cardenal: Ich war Priester in einer revolutionären Regierung. Und er war Feind jeglicher Revolution und wollte nicht, dass Priester an einer solchen Regierung teilnehmen. Er kam also, als ich als Regierungsmitglied am Flughafen stand, auf mich zu und sagte mir, Sie müssen Ihre Situation mit der Kirche unbedingt in Ordnung bringen.

War die denn in Unordnung?
Cardenal: Nein, was der Papst tat, war völlig ungerecht. Priester in einer Regierung zu sein, war völlig in Ordnung. Die Bischofskonferenz in Nicaragua hatte meinen Schritt ausdrücklich genehmigt. Und den von zwei weiteren Priestern ebenso: Auch der Außenminister war ein Priester und der Bildungsminister, mein Bruder Fernando. Die Nachricht, dass die Bischofskonferenz das autorisierte, hatten damals alle Medien, auch Radio Vatikan, verbreitet. Papst Johannes Paul II. wusste das also ganz genau. Seine Handlungsweise hat er übrigens hinterher bereut.

Bei seiner zweiten Nicaragua-Reise sagte derselbe Papst 1995, die "Theologie der Befreiung" stelle keine Gefahr mehr dar, weil der Kommunismus tot sei. Wie sehen Sie das heute?
Cardenal: Ja, das hat er auf einer Reise durch Mittelamerika gesagt. Da antwortete ihm ein Bischof aus dem brasilianischen Urwald, solange es Arme gebe, werde es auch die Befreiungstheologie geben. Und das glaube ich auch heute noch.

Diese Theologie für die Armen geht ja auch auf Sie zurück. Lebt sie wirklich nicht mehr?
Cardenal: Nein, das stimmt nicht ganz. Denn es gibt inzwischen eine neue Theologie in Lateinamerika. Als Ratzinger, bevor er Papst wurde, Kardinal war, hat er gesagt, die Nachfolgerin sei die Theologie des Pluralismus, die aber seiner Meinung nach genauso schädlich sei. Da gebe ich ihm Recht, und zwar darin, dass diese Theologie des Pluralismus eine Fortsetzung der Befreiungstheologie ist und dass sie schädlich ist - aber nur für die Theologie von Ratzinger.

Was ist denn dieser religiöse Pluralismus?
Cardenal: Er drückt aus, dass alle Armen eine Religion haben, aber dass die Armen sich nicht befreien können, wenn sie nicht eine gemeinsame Religion haben. Alle Religionen, die zu einem Gott führen, müssen also als gleichwertig angesehen werden. Denn alle Religionen haben Irrlehren. Denken wir nur an die Inquisition. Die Lösung ist also, keine Wertunterschiede zwischen den Religionen zu machen.

Sie haben den neuen Papst Franziskus als "revolutionären Papst" bezeichnet...
Cardenal: Ja, ich fühle mich Papst Franziskus gegenüber sehr nah. Er ist dabei, die Dinge im Vatikan auf den Kopf zu stellen. Nein, genauer ausgedrückt: Er stellt die Dinge, die verkehrt herum stehen, wieder auf die Füße.

Zur Person

Ernesto Cardenal Martínez wurde 1925 in Granada/Nicaragua geboren. Er studierte Literatur und Theologie in Mexiko, den USA und Kolumbien. 1954 beteiligte er sich an der gescheiterten April-Revolution gegen Diktator Anastasio Somoza García, 1956 ging er ins Exil. Im Zuge der erfolgreichen Revolution in Nicaragua durch die Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN) war er zwischen 1979 und 1987 Kulturminister von Nicaragua. Anfang 1985 suspendierte ihn Papst Johannes Paul II. wegen seiner politischen Tätigkeit vom Priesteramt. 1994 verließ Cardenal die FSLN aus Protest gegen den Führungsstil von Parteichef Daniel Ortega, stellte aber klar, dass er sich weiterhin als "Sandinist, Marxist und Christ" verstehe.