100. Geburtstag von Willy Brandt

Historiker und Politikersohn Peter Brandt spricht über seinen Vater

HAGEN. Peter Brandt (65) ist der älteste Sohn von Rut und Willy Brandt. Der Historiker ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Fernuniversität in Hagen. GA-Redakteur Ulrich Lüke sprach mit dem Wissenschaftler am Rande eines Kongresses in Hagen.

Herr Brandt, 100 Jahre Willy Brandt. Jede Menge Feiern. Hätte sich Ihr Vater darüber gefreut?
Peter Brandt: Er hat ja noch erlebt, dass er zu einer Art übergreifender nationaler Figur wurde, während er bis in die 80er Jahre eine der umstrittensten Figuren der deutschen Politik war. Nach all den Angriffen hat es ihm gut getan, dass er doch noch so weithin akzeptiert wurde. Insofern hätte es ihn vielleicht gefreut. Die toten Indianer sind zwar immer die guten, aber soweit man sehen kann, hat er ja keine Gegner mehr.

Was ist für Sie der dominante Eindruck von Ihrem Vater geblieben?
Brandt: Ein Mensch, der in einem eigenartigen Spannungsverhältnis zwischen Unbefangenheit und Befangenheit lebte. Er konnte völlig unbefangen sein, seine Witze erzählen, rumalbern. Und andererseits konnte er auch emotional gehemmt sein. Die Kombination von beidem ist auf der privaten Ebene das Herausragende.

Ihr jüngerer Bruder Lars hat einmal gesagt, nähme man bei Willy Brandt die inneren Widersprüche weg, bliebe nicht mehr viel.
Brandt: Er meinte: Man kann den Mann nicht verstehen ohne diese Widersprüche. Man wird ihm überhaupt nicht gerecht, wenn man versucht, das auszubügeln. Das ist so.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Fehlurteil über Willy Brandt?
Brandt: Ich weiß nicht, was das größte ist. Aber ich halte es für ein Fehlurteil zu meinen, dass er ein Gefühlspolitiker gewesen ist. Er hatte durchaus Emotionen, was ja nichts Schlechtes ist, aber seine politischen Entscheidungen hat er rational getroffen.

[kein Linktext vorhanden]Erhard Eppler hat dieser Tage gesagt, Brandt sei ein Pragmatiker gewesen, der große Ziele mit kleinen Schritten sehr überlegt ansteuerte.
Brandt: Ja, das ist auch mein Urteil. Er war sicher ein Mann mit einer längerfristigen Zielorientierung, aber kein Visionär. Das klingt immer ein bisschen so, als schwebte er über den Wolken. Er war ein klarer Pragmatiker, der kleinste Schritte gehen konnte.

Also nichts von "Willy Wolke"?
Brandt: Das hab ich nie erlebt. Und Leute, die nah bei ihm gearbeitet haben, haben das immer bestritten. Er konnte im Persönlichen manchmal in sich gekehrt sein. Das machte auf Außenstehende vielleicht den Eindruck, er sei in anderen Sphären.

Das erinnert an Horst Ehmkes Satz als Kanzleramtsminister: "Willy, komm, wir müssen regieren!"
Brandt: Das ist ein Satz, der sich so verselbstständigt hat, dass man denkt: Alle paar Monate musste Horst kommen und ihn holen. Das war sicher mal so, aber das hab ich, gerade in seiner Berliner Zeit, nicht erlebt. Wenn es das in seiner Bonner Zeit gab, ist es sicherlich übertrieben. Es gab Phasen des Rückzugs, der Melancholie, auch der depressiven Verstimmung, aber wenn er eine richtige Depression gehabt hätte, hätte er diesen Beruf nicht ausüben können. Aber es ist wie mit allen Klischees: Meistens ist ein Körnchen Wahrheit dran. Nur darf man aus dem Körnchen keinen Felsbrocken machen.

Haben Sie Ihren Vater bewundert oder auch unter ihm gelitten?
Brandt: Vermutlich beides. Als Kind ist es normal, dass man den Vater bewundert. Später habe ich an seiner Position, an der Konstellation gelitten. Aber ich bin vorsichtig mit dem "Leiden". Es gibt schlimmere Schicksale auf der Welt. Meine langjährige Freundin Maria hat gesagt, ich hätte auch in meiner radikal linken, meiner trotzkistischen Phase immer mit Achtung über ihn gesprochen.

Sie hatten also von der Position Ihres Vaters keine Vorteile?
Brandt: Ich kann das nicht 100-prozentig ausschließen. Ich hab das jedenfalls nicht so erlebt. Eher hat es den einen oder anderen Lehrer gegeben, der demonstrieren wollte, dass er den Sohn des Regierenden Bürgermeisters - damals war er ja noch nicht Kanzler - nicht bevorzugte.

Sie haben wegen des Besuchs von Robert Kennedy 1962 die Schule schwänzen dürfen.
Brandt: Wir wollten da gar nicht hin. Aber wie die Amis so sind: Die wollten die Familie, die Kinder sehen. Daraus wurden dann nachher ganze fünf Minuten. Und ehe Kennedy zurückflog, schrieb er uns eine Entschuldigung, die wir natürlich nicht benutzt haben. Tenor: Wir hätten an Gesprächen, die "für die Freiheit der USA und Berlins wichtig waren", teilnehmen müssen.

Der Rücktritt Willy Brandts 1974 vom Amt des Bundeskanzlers war für Sie eher Befreiung?
Brandt: Persönlich eher eine Befreiung.

Es gab im Hause Brandt, erst in Berlin, später in Bonn, kein normales Familienleben. War Ihnen Ihr Vater zu fremd, zu entfernt, hätten Sie sich mehr von ihm gewünscht?
Brandt: Ja, vielleicht. Andererseits: Was man als Kind erlebt, hält man für normal. So habe ich unser Familienleben auch erlebt. Natürlich waren andere Väter regelmäßiger zu Hause. Aber wenn er da war, war er da! Jedenfalls in der Kindheit. Später hatte er vielleicht auch zu Hause so Rückzugstendenzen. Aber er beschäftigte sich gern mit seinen Jungs, ich hab da nichts vermisst.

Sie haben mal gesagt, dass er Ihnen im Angesicht seines Todes das erste Mal nachgewunken habe.
Brandt: Ich habe diese Geste als Abschiedsgeste erlebt. Kann sein, dass er auch früher mal gewunken hat. Aber das war so ein intensives Winken. Das hat er sonst nicht gemacht.

Sie haben sich politisch mit ihm kräftig gezofft. Und seit den 80ern haben Sie sich besser verstanden.
Brandt: Wenn wir von den 60ern und 70ern reden: Es war nicht so, dass wir uns nicht ausstehen konnten. Wir haben uns unter den gegebenen Voraussetzungen eigentlich recht gut verstanden. Aber meine radikalen Ideen waren für ihn natürlich nicht bequem. Also: Es war kompliziert. Und dann wurde es einfacher, und wir sind uns politisch etwas näher gekommen.

In den Jahren nach dem Rücktritt?
Brandt: Ja. Das war eine schleichende Annäherung, auch weil er als Parteivorsitzender eine andere Optik hatte als als Kanzler. Weil er auch in der Partei integrierend wirken musste. Und durch die Sozialistische Internationale ist er auf Probleme gestoßen, die ihm nicht unbekannt waren, aber die nicht so in seinem alltäglichen Bewusstsein waren.

Mehr Nord-Süd- statt Ost-West-Konflikte?
Brandt: Natürlich Nord-Süd. Also: Ich bin etwas gemäßigter geworden. Und er hat sich, ich will nicht sagen radikalisiert, er ist flexibler, offener geworden.

Haben Sie sich politisch mal etwas von ihm gewünscht?
Brandt: Ja, im Grenzbereich von Politik und Menschlichem. Als Robert Havemann 1982 starb, hab ich ihn um ein Beileidstelegramm gebeten. Das hat er gemacht, sprachlich fein austariert. Nicht so ein 08/15-Telegramm. Auf diesem Niveau gab es noch drei, vier andere Sachen. Aber ich habe nie von ihm verlangt: Geh hin und beschimpfe Ronald Reagan!

Für welche politische Tat bewundern Sie Ihren Vater am meisten?
Brandt: Ich bewundere ihn dafür, dass er als junger Mann auch gefahrvolle Situationen auf sich genommen hat, im Widerstand gegen Hitler nach Berlin gegangen ist, auch nach Barcelona im Kampf gegen Franco. Für diese Furchtlosigkeit, da, wo es nun wirklich gefährlich war, dafür bewundere ich ihn. Moralischen und physischen Mut hat er bewiesen. Ansonsten war er ja nicht so furchtbar konfliktfreudig.

Und später?
Brandt: Natürlich für die Ostpolitik.

Wäre Ihr Vater heute in der SPD?
Brandt: Jo. Da bin ich mir sicher. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er woanders wäre.

Er hat die erste große Koalition mitgetragen, und das hat der SPD gut getan. Glauben Sie, das tut ihr heute auch wieder gut?
Brandt: Das hat jetzt mit Willy Brandt nichts zu tun. Ich bin selber, wie die meisten Sozialdemokraten, ein Skeptiker, aber ich sehe die Zwangssituation, in der die Partei ist. Es blieb nichts anderes übrig, als zumindest ernsthaft zu verhandeln. Ich bin kein Fan der großen Koalition. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man damit einen Politikwechsel herbeiführen kann.

Sie sind linker als Ihr Vater, Ihr Vater war linker, als er es im Kanzleramt gezeigt hat. Richtig?
Brandt: Ja, das kann man sicher so sagen.

Gibt es rund um den Jahrestag, den 18. Dezember, irgendeine Art privaten Gedenkens?
Brandt: Ja, aber das will ich deshalb auch nicht weiter explizieren.

Wenn Ihr Vater noch lebte, was wäre Ihr Wunsch an ihn?
Brandt: Mein Wunsch an ihn wäre, dass er sich mit denen, die nach mir gekommen sind, der Generation meiner Kinder und dann auch Enkel, etwas beschäftigt. Das wäre der einzige Wunsch, den ich hätte. Und ich kann mir auch denken, dass ihm das Spaß gemacht hätte.

Peter Brandt

Peter Brandt wurde am 4. Oktober 1948 in Berlin geboren. Er studierte dort Geschichte und Politik, war in der linken Studentenbewegung aktiv und wurde 1973 promoviert. Brandt lehrt heute an der Fernuniversität Hagen.

Veranstaltungstipp

Am kommenden Freitag, dem 13. Dezember, stellt Peter Brandt um 20 Uhr in der Buchhandlung Böttger (Maximilianstraße 44 in Bonn) sein Buch "Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt" vor.