50. Münchner Sicherheitskonferenz

Helmut Schmidt, Henry Kissinger, Valéry Giscard d'Estaing und Egon Bahr auf einer Bühne

Männer mit Lebens- und Regierungserfahrung in München: (von links) Helmut Schmidt, Valéry Giscard d'Estaing, Henry Kissinger und Egon Bahr.

MÜNCHEN. Auf dem Podium sitzen 364 Jahre Lebens- und zu einem kleineren Teil auch Regierungserfahrung. Die Veteranen wirken an diesem Nachmittag schon etwas müde.

Es darf auch geraucht werden. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, nach dem Senioritätsprinzip mit 95 Jahren eine Art Gruppensprecher der vier "Elder Statesmen" auf der Bühne, war schon am 8. November 1963 dabei, als Ewald von Kleist erstmals zur Sicherheitskonferenz, die damals noch Wehrkundetagung hieß, nach München lud.

Auch der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, 90 Jahre jung, war Mann der ersten Wehrkundetagung, damals noch im Hotel "Regina". Daneben geben der einstige Kanzlerberater Egon Bahr (91) und der frühere französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing (88) dieser 50. Sicherheitskonferenz beim Podium mit Schmidt und Kissinger eine besondere Note.

50 Jahre Münchner Sicherheitskonferenz stehen auch für Wandel in der Welt der Außen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Jeder der früheren vier Spitzenpolitiker interpretiert ihn anders. Schmidt spannt einen weiten Bogen: von 1900 bis ins Jahr 2050. Im Jahr 1900 hätten 1,5 Milliarden Menschen auf der Erdkugel gelebt, heute seien es rund sieben Milliarden, und 2050 werden es nach Schätzungen bereits neun Milliarden Menschen sein.

Der Altkanzler verweist auf "großstädtische Massen", die in Häusern mit 20 Stockwerken "übereinander leben" und mittels moderner Medien "leicht verführbar" seien. Kissinger durchstreift vor seinem geistigen Auge mehrere Kontinente: Europa heute lasse sich "nur widerwillig auf militärische Konflikte" ein.

In Asien wiederum seien solche Konflikte, siehe den Streit zwischen China und Japan um eine Inselgruppe, nicht ausgeschlossen. Und in Nahost heizten religiöse Ethnien Krisen weiter an. Giscard d'Estaing freut sich: "Nun, wir haben das Konzept des Krieges abgeschafft." Aber jetzt gebe es Gefahren durch Bürgerkriege und Terrorismus. Und Ex-Kanzlerberater Bahr, in den 70er Jahren Architekt der deutschen Ostpolitik, stellt fest: "Wir sind in einer Situation, in der die Nato nicht mehr umstritten ist."

Die Herren schweifen weit aus in die Weltgeschichte. Schmidt raucht und guckt mürrisch. Der Moderator macht mit einem Blick ins Publikum Mut. Nur etwa die Hälfte der Zuhörer spiele gerade mit ihrem Rechner. Also Gretchenfrage: Wird es die Nato in zehn Jahren noch geben? Bahr: "Na selbstverständlich." Kissinger: "Ja, die Nato ist in zehn Jahren noch da." Auch Giscard d'Estaing stimmt zu, ist aber wieder schnell bei den "innerasiatischen Konflikten".

Dann ist Schmidt an der Reihe. Dem Altkanzler ist es "ziemlich gleichgültig, ob sie (die Nato) in zehn Jahren noch existiert". Die Debatte mit seinen Altersgenossen gefalle ihm ohnehin nicht besonders. Zu rückwärtsgewandt. Schmidt "Schnauze" philosophiert: "Ich beschäftige mich lieber mit den nächsten 50 Jahren." Europa müsse aufpassen. Denn 2050 werde es noch sieben Prozent der Weltbevölkerung stellen. 1950 seien es noch mehr als 20 Prozent gewesen. Doch Schmidts Befund ist streng und unumstößlich: "Wenn die EU weiter so hinwurstelt, wird in zehn Jahren die Nato noch da sein, aber vielleicht nicht mehr die EU."