Kampf um Idlib

Großoffensive in Syrien "wie die Schlacht um Berlin"

Kämpfer und Soldaten der Freien Syrischen Armee sitzen in einer Höhle in Idlib. Foto: dpa

Kämpfer und Soldaten der Freien Syrischen Armee sitzen in einer Höhle in Idlib. Foto: dpa

Idlib. Während Russland die Großoffensive gegen die Rebellenregion Idlib mit einer Propagandaoffensive vorbereitet, wächst die Sorge vor neuen Giftgasangriffen.

Die Zahl der Verletzten und Toten sei noch unbekannt. Aber am Samstag hätten zwei amerikanische F-15-Kampfjets das syrische Dorf Hajin mit Phosphorbomben angegriffen, deren Einsatz laut Genfer Konvention verboten seien, verkündete am Sonntag Generalleutnant Wladimir Sawtschenko, Chef des russischen Befriedungszentrums in Syrien. Heftige Brände seien ausgebrochen. Außerdem beklagte der Russe, die Rebellen hätten an den Grenzen der Deeskalationszone Idlib mehrere Ortschaften sowie die Außenbezirke Aleppos unter Beschuss genommen, und damit die Waffenruhe gebrochen.

Der Krieg in Syrien droht wieder zu eskalieren. Und mit ihm die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen. Moskau antwortet auf amerikanische Warnungen, man werde im Falle neuer Giftgasangriffe durch die Truppen des syrischen Machthabers Baschar Assad militärisch eingreifen, mit massiver Gegenpropaganda. „Die USA verbrennen Syrien mit Napalm“, titelt das nationalistische Portal Swobodnaja Presse. „Und drohen mit einem Militärschlag gegen Russland.“

Einsatz chemischer Waffen

Russische Offizielle, von Generalstabsvertretern bis zu Wladimir Putin, prophezeien seit Wochen, die Islamisten in Idlib bereiteten Provokationen vor, darunter den Einsatz chemischer Waffen. Armeesprecher Igor Konaschenkow erklärte vorgestern, am Freitag hätten sich in der Stadt Idlib Vertreter der terroristischen Gruppierung Hayat Tahrir asch-Scham, anderer Rebellengruppen und der Zivilschutzgruppe „Weißhelme“ getroffen.

Dort hätten sie ein „Drehbuch“ für die Simulation von Giftgasangriffen auf vier Ortschaften vereinbart, die die „Weißhelme“ dann als vermeintliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung filmen sollten. Zweck der Übung: Präsident Baschar Assad des Genozids zu beschuldigen. Laut Generalmajor Armeesprecher Igor Konaschenkow warten die Extremisten in Idlib nur auf „ein bestimmtes Signal der ,ausländischen Freunde der syrischen Revolution’“ um ihren Fake-Chemieangriff zu starten.

In der Region Idlib war es schon vorher wiederholt zum Einsatz von chemischen Kampfstoffen gekommen, der verheerendste Angriff traf im April 2017 die Stadt Chan Schaichan. Mediziner von „Ärzte ohne Grenzen“ und die internationale „Organisation für das Verbot chemischer Waffen“ (OPCW) bestätigten später, die über 80 Todesopfer seien durch das Nervengift Sarin umgekommen. Russische Militärsprecher erklärten damals, ein syrischer Luftangriff habe eine Giftstofffabrik der Terroristen getroffen. Donald Trump ließ hinterher einen syrischen Militärflughafen mit Raketen beschießen.

Dieses Szenario droht sich zu wiederholen. „Die Großoffensive der syrischen Regierungstruppen und ihrer Verbündeten gegen Idlib wird entweder von echten oder von inszenierten Giftgasattacken begleitet werden“, sagt der russische Nahostexperte Alexander Schumilin unserer Zeitung. „Propagandistisch geht Russland auf jeden Fall auf Nummer sicher, indem es im Voraus vor Provokationen warnt“.

Auch in Russland erwartet man, dass die Schlacht um die Region Idlib besonders heftig wird. Idlib gilt als letzte Bastion der sunnitischen Rebellen gegen Assad. Nach Einschätzung des Moskauer Carnegie-Zentrums haben sich hier etwa 150 000 Oppositionskrieger versammelt. Viele erhielten mit ihren Familien freien Abzug aus von Assad-Truppen eingekesselten Gebieten.

Beobachter warnen vor Katastrophe

Deshalb ist die Zahl der Einwohner in der Region von 1,8 nach Einschätzung der UN auf über drei Millionen gestiegen. Westliche Beobachter warnen vor einer humanitären Katastrophe, während man in Russland Endkampf predigt: „Das ist wie die Schlacht um Berlin“, zitiert der staatliche TV-Sender NTW den Oberst a.D. Igor Korotschenko: „Die letzte Stellung, dort wird aller organisierte Widerstand gebrochen. Dazu wollen es die Amerikaner nicht kommen lassen.“

Die USA besitzen mit den von kurdischen Separatisten kontrollierten Gebieten im Nordosten Syriens allerdings noch eine wesentlich größere Einflusssphäre im Land. Trotzdem vermerkt Moskau besorgt das Auftauchen von mit Tomahawk-Raketen bestückten US-Zerstörern und U-Booten im Mittelmeer. Und veranstaltete vergangene Woche selbst ein Flottenmanöver mit 26 Kriegsschiffen vor der syrischen Küste.

Allerdings glauben auch russische Fachleute, beide Seiten würden eine militärische Konfrontation vermeiden. „Wie bei den Raketenschlägen im April werden die USA keine Angriffe fliegen, die russische Staatsbürger treffen könnten“, sagt der Militärexperte Viktor Litowkin.

Russland aber hat es in Idlib auch noch mit der Türkei zu tun. Obwohl der mit den USA heftig zerstrittene Nato-Staat in Syrien seit einiger Zeit gemeinsame Sache mit Moskau macht, gilt er noch immer als Schutzmacht der Sunniten im syrischen Nordwesten. Türkische Medien melden schon jetzt zivile Opfer durch russische Luftangriffe.

Und befürchten eine neue Flüchtlingswelle von einer Viertelmillion Menschen aus Idlib. „Nur weiß niemand genau, wo die rote Linie der Türken liegt – bei einem neuen Chemiewaffenangriff oder bei Massenbombardements gegen die Zivilbevölkerung“, sagt Nahostexperte Schumilin. „Recep Erdogans Aussagen selbst schwanken heftig.“

Um sich gegen die von Russland unterstützte Offensive Assads zu wehren, bräuchten die Rebellen in Idlib dauerhafte taktische Luftunterstützung. Sehr fraglich, ob die Türkei oder der Westen sie ihnen leisten werden.