Gorleben

Gesucht: Ein Konsens für die Ewigkeit

Hannover.  Die Causa Gorleben liegt seit 37 Jahren in der Wiedervorlagemappe: Soll das potenzielle Endlager für hochradioaktiven Atommüll bei der bundesweiten Neusuche weiter im Kandidatenpool bleiben oder von vornherein ad acta gelegt werden?

Die jüngsten Verlautbarungen der neuen rot-grünen Landesregierung in Hannover klingen kompromisslos nach Ausschluss, aber im Koalitionsvertrag steht der Satz: "Die Koalitionspartner sehen die Gefahr, dass bei einem Verbleib Gorlebens im Suchverfahren die Sicherheitskriterien, Ausschluss- und Abwägungskriterien auf Gorleben zugeschnitten werden."

Soll heißen: Es wird befürchtet, dass das noch vom Bundestag zu verabschiedende Standortsuchgesetz Schlüsselkriterien aufstellt, die nur der Salzstock Gorleben erfüllt. Bevor die bundesweite Standortsuche "ergebnisoffen", wie von allen Seiten betont wird, startet, muss somit erst einmal die Standpunktsuche von Rot-Grün in Hannover und in Berlin abgeschlossen sein.

Denn auf Bundesebene haben SPD und Grüne längst deutlich Position bezogen: Gorleben bleibt im Pool. Gorleben ist eine Gemeinde in der Samtgemeinde Gartow im Landkreis Lüchow-Dannenberg im dünn besiedelten Nordosten von Niedersachsen. Sie gerät stets in die Schlagzeilen, wenn Tausendschaften der Polizei Castortransporte aus der Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague sichern müssen.

Der Anti-Atom-Protest ist auch identitätsstiftend für die Wendland-Grünen. Zurzeit lagern in Gorleben 102 Castorbehälter mit hoher Radiotoxität - oberirdisch in einer Betonhalle. Ein Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle. Noch kein Endlager. Jedoch türmt sich überall in Deutschland, meist neben Kernkraftwerken, der gefährliche Müll aus der atomaren Stromproduktion, insgesamt rund 24.000 Kubikmeter.

Unterirdisch wird Gorleben nach Endlager-Tauglichkeit erkundet. Seit 1977. Jedoch ruht die Prüfung seit Anfang November 2012, weil, so glaubt Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), das die nationale Konsensbildung fördert. Erster Schritt dorthin soll ein - überparteilich beschlossenes - Endlagersuchgesetz sein. Es sollte eigentlich schon vor der Niedersachsen-Wahl und einem möglichen Regierungswechsel verabschiedet worden sein. Nun ist alles anders: neue Regierung, alte Probleme.

Trotzdem hält Altmaier offiziell an seinem Fahrplan fest: 2030 soll das erste deutsche Endlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb gehen. Der Druck zum Handeln ergibt sich auch aus jenen 30 bis 40 Jahren, für die Zwischenlager genehmigt sind. Manche sind schon länger als zehn Jahre in Betrieb. Auch die EU drängt: Ihre Richtlinie 2011/70/ EURATOM muss bis zum 23. August 2013 in nationales Recht umgesetzt sein.

Sie gibt etwa vor, "unangemessene Lasten für künftige Generationen zu vermeiden", ein hohes Sicherheitsniveau ebenso anzustreben wie demokratische Beteiligung der Bevölkerung. Heftigster Gegenspieler aller Bemühungen bleibt das Sankt-Florians-Prinzip. Alle Parteien haben jahrzehntelang den Atomstrom aus der Steckdose konsumiert, aber keine Gemeinde, kein Bundesland möchte ein Endlager - den strahlenden Müll aller Stromverbraucher - unter seiner Erdkruste wissen.

Kaum wird ein Standort als geologisch günstig beurteilt, entsteht ein Politikum. Aus geologische Gunstlagen ergeben sich zwangsläufig politische Ungunstlagen. Politisch war schon die Auswahl Gorlebens, was nicht bedeutet, dass der Salzstock geologisch grundsätzlich ungeeignet wäre. Noch in diesem Monat soll die politische Konsenssuche beginnen. Sollte der Konsens gefunden werden, müsste er in Stein gemeißelt werden.

Denn allein die nötigen Gesetze, die Planungen und Erkundungen werden ein Jahrzehnt beanspruchen - mit wechselnden Regierungskoalitionen auf Landes- und Bundesebene. Nur die geologischen Voraussetzungen stehen mehr oder weniger fest: In Norddeutschland liegen viele potenziell geeignete Salzformationen, während sich im Süden Tonschichten in größerer Tiefe oder Granit anbieten.

Alles riecht in der Endlagerfrage weiter nach Politik, auch wenn gelegentlich wissenschaftlich argumentiert wird. Zudem suggerieren die öffentlichen Debattenbeiträge, als ginge es nur noch darum, eine geeignete geologische Formation zu finden und für den absurden Prognosezeitraum von einer Million Jahre zu prüfen. Tatsächlich ist auch noch manche Grundsatzfrage offen. Etwa: Soll der Pro-blemmüll rückholbar eingelagert oder für alle Zeiten in die Tiefe verbannt werden?

Davon hängt wiederum ab, welches Medium - Salz, Ton oder Granit? - ausgewählt wird und damit welcher Standort. Gegen die Option "Rückholbarkeit" spricht die Unberechenbarkeit des Menschen an sich und auch die der Geschichte: Wer kann außer geologischer auch politische Stabilität und Frieden über unvorstellbare Zeiträume garantieren? Für die ewige Versiegelung bieten sich eher Salz und Ton an, nicht Granit.

Als ein Mann der nüchternen Fakten gilt Michael Sailer, Geschäftsführer des Freiburger Öko-Instituts und Vorsitzender der Entsorgungskommission der Bundesregierung. In einem Essay hatte er Ende des Jahres festgestellt: "Fakt ist, dass bis heute keine fachliche Beurteilung des Standorts Gorleben hinsichtlich seiner Geeignetheit beziehungsweise Ungeeignetheit vorliegt, die die internationalen Anforderungen an einen ausführlichen und transparent dokumentierten Langzeitsicherheitsnachweis erfüllt.

Das bedeutet aber auch, dass alle bisherigen Statements hinsichtlich seiner Geeignetheit ohne wirklich qualifizierte wissenschaftliche Basis erfolgten." Ein Endlager sei, so Sailer, nur dann "akzeptabel, wenn die Abfälle eingeschlossen bleiben und nicht die späteren Generationen gefährden. Aus technisch-wissenschaftlicher Sicht ist das machbar, wenn Erkundung und Beurteilung auf wissenschaftlich sauberen und transparenten Kriterien basieren".

Doch es sieht nicht danach aus, dass die Wissenschaft künftig das Verfahren bestimmt. So erwähnt SPD-Parteichef Sigmar Gabriel regelmäßig, dass in die Erkundung Gorlebens schon rund 1,6 Milliarden Euro investiert worden seien - aus den Rücklagen der Atomwirtschaft. Das könnte Regress bedeuten.

Aber ist das ein Argument, wenn es um die Erkundung einer Sicherheit von mindestens einigen Hunderttausend Jahren geht? Gabriel und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin haben jedoch auch einen plausiblen Grund, warum sie Gorleben im Pool lassen möchten: Ein vorzeitiges Ausscheiden aus "politischen Gründen" bedeutet Rückenwind für das Sankt-Florians-Prinzip.

Jeder andere mögliche Standort könnte dann mit Verweis auf Gorleben vor Gericht ziehen. Angestrebt wird gerade das Gegenteil, die "weiße Landkarte". Soll heißen: bundesweit gleiche Suchkriterien. Doch wer auf die Karte "Untersuchungswürdige Wirtsgesteinsformationen" der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe blickt, sieht sofort: Rund 90 Prozent der geeigneten Schichten liegen in Norddeutschland.

Der Beantwortung der Eine-Million-Jahre-Frage nähern sich indes realistisch nur Forscher. Es gibt geologische Schichten und Formationen, die sind seit mehr als 100 Millionen Jahren stabil. "Wie ein Endlager die Formation beeinflusst, kann man nur mit Unsicherheiten berechnen", erklärt der Geologe Detlef Appel auf dem Online-Portal von "Bild der Wissenschaft".

Je weniger eine bestehende Struktur verändert wird, desto weniger Brüche und Risse werden provoziert. Ein ehemaliges Salzbergwerk wie die Asse war deshalb schon vor dem Scheitern ein Risikokandidat. Der Gorlebener ist dagegen ein unberührter Salzstock, sieht man von den Erkundungsschächten ab.

Dass eine Millionen Jahre prinzipiell nicht vorhersehbar sind, macht Dirk Bosbach, Direktor für den Bereich Nukleare Entsorgungsforschung am Forschungszentrum Jülich, auf dem selben Portal deutlich: "Wir sagen nicht die Zukunft voraus. Wir betrachten wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche Szenarien und berechnen, ob das Endlager bei Eintreten dieser Szenarien sicher ist oder nicht." Am meisten gefürchtet sind Wassereinbrüche.

Fluten sie den Abfall, wird Wasser kontaminiert, aber wo sickert es dann hin? Gibt es an einem Standort ausreichende, geologische Sicherheitsbarrieren? Bestmögliche Politikberatung durch die Wissenschaft kann bei der Entsorgungsfrage schon wegen des Prognose-Zeitraums von einer Million Jahren nur bedeuten: zwar auf dem besten Wissensstand von heute, aber grundsätzlich auf einer unsicheren Wissensbasis über die Zukunft.

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