Peter Struck ist gestorben

Genosse, Kumpel, Profi

BERLIN.  Er war nahbar. Ein Soldatenminister. Ausgerechnet der Zivilist Peter Struck, der den Posten des Bundesministers der Verteidigung nie gewollt hat. Anfangs. Doch als Struck 2005 nach Ende der großen Koalition dann doch aus dem Amt des Inhabers der Befehls- und Kommandogewalt in Friedenszeiten scheiden muss, hat er eine, vielleicht auch zwei Tränen im Auge.
Ein Bild von einem Verteidigungsminister: Peter Struck ist tot. Foto: ap

Und er hat einen Hut auf, damit die Kameras durch den Schatten der Hutkrempe auf seinem Gesicht seine Gemütsregung nicht einfangen können. Gestern ist der SPD-Politiker, der in seiner Partei eine Autorität war, nach einem schweren Herzinfarkt in einem Berliner Krankenhaus im Alter von nur 69 Jahren gestorben.

Peter Struck war ein Verteidigungsminister wie kein Zweiter. Mit nur einem Satz hat er den Deutschen den schwierigen und zunehmend umstrittenen Afghanistan-Einsatz erklärt: "Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt." Ein Satz, ganz anders wie das so genannte Struck'sche Gesetz, nach dem kein Gesetzentwurf den Bundestag so verlässt wie er eingebracht worden war. Sein Satz über Afghanistan stand und steht wie in Stein gemeißelt.

Struck wäre damals lieber SPD-Fraktionschef im Bundestag geblieben. Doch Genosse Rudolf Scharping war als Verteidigungsminister einfach in zu viele Fettnäpfchen getappt und hatte frisch verliebt zu presseöffentlich mit Gräfin Kristina Pilati im Swimmingpool geplanscht. Bundeskanzler Gerhard Schröder wollte Scharping nicht länger halten. Struck übernahm, weil ihn der Bundeskanzler darum gebeten hat. Doch er blieb auch auf dem schwierigen Posten des Verteidigungsministers nahbar.

Im November 2004 besucht Struck den NATO-Partner Türkei. Abends ist in einem türkischen Offizierskasino eine Riesenleinwand aufgebaut. Das Live-Bild ist schon geschaltet: Westfalenstadion Dortmund, die Heimstatt von Strucks Herzverein BVB 09 kurz vor einem Europacup-Spiel. Der SPD-Politiker will vor dem Anstoß noch kurz etwas zur Reise sagen und zum reichlich konkreten Interesse der Türkei am Kauf deutscher Leopard-2-Panzer.

Da betritt der livrierte türkische Oberkellner den Saal, in der Hand ein Tablett mit zwei Gläsern Bier. Zwei Gläser Bier für ungefähr 30 Leute. Das findet der Sozialdemokrat Struck ungerecht, jedenfalls nicht ausreichend. "Adju, wir brauchen mehr Bier!", ruft der Minister in Richtung seines Adjutanten. Struck nimmt den ersten Schluck erst, als alle ihr Getränk haben. So war er. Direkt, knorrig, kumpelhaft konnte er wirken und war doch in der Lage, im nächsten Moment sofort wieder Distanz zu schaffen.

Struck war Sozialdemokrat durch und durch, einer vom alten Schlag, einer mit Haltung, keiner aus der Generation der Politsprech-Phrasendrescher. Na gut, getrickst hat er auch. Oder eine Finte riskiert im parlamentarischen Betrieb. Das musste er auch als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, deren Vorsitz er von 1998 bis 2002 innehatte. Und von 2005 bis 2009 noch einmal.

Aber bei allem Pokergesicht hatte er stets ein Augenzwinkern. Und dabei oft seine Pfeife im Mundwinkel. 1995 ist er wegen seiner Leidenschaft für diese Art des Rauchens zum Pfeifenraucher des Jahres gewählt worden. Struck hat den Titel angenommen und, na klar, genüsslich an seiner Pfeife gezogen. Struck war der erste Verteidigungsminister, der als "Blues Brother" für die Truppe im Auslandseinsatz gesungen hat, der sie unterhalten hat, der gezeigt hat: Jungs, hier ist Euer Minister. Danke für den Job. Euer Lied.

Struck singt "Matilda" von Harry Belafonte. In einem Zelt im Kosovo tobt die Truppe. Einen solchen Minister haben die Soldaten noch nicht gesehen. Struck muss Zugaben geben. Unten steht ein General und schüttelt den Kopf: "Gibt's doch nicht. Gibt' s doch nicht." Mit Verteidigungsminister Peter Struck. Es war seine Art, sich bei der Truppe für den Auslandseinsatz zu bedanken. Ein Lied, das nicht gleich den militärischen Marsch dazu verlangt. So war er, der Soldatenminister. So werden ihn die Soldatinnen und Soldaten in Erinnerung behalten. Und seine Partei, die SPD, sowieso.

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