Bundespräsident

Gauck stattet NRW seinen Antrittsbesuch ab

Düsseldorf.  Nordrhein-Westfalen - das war für Joachim Gauck, den Mann aus dem Osten, lange das Synonym für "den Westen", inklusive rauchender Schlote und schlechter Luft. Als er noch zur Zeit der Teilung erstmals an die Ruhr gekommen sei, habe er diese Vorurteile im Kopf gehabt, wie er an diesem Morgen in der Staatskanzlei erzählt, und habe sich gewundert, "wie grün es hier war".
Besuch im Regen: Bundespräsident Joachim Gauck winkt vor dem Düsseldorfer Rathaus den wartenden Menschen zu.
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Besuch im Regen: Bundespräsident Joachim Gauck winkt vor dem Düsseldorfer Rathaus den wartenden Menschen zu. Foto: dpa

Der Anlass für Gaucks Reise gestern an den Rhein und die Ruhr: sein Antrittsbesuch in NRW. Doch grün ist es an diesem tristen Novembertag nicht - anders noch als im August, als Gauck vier Tage von seinem zweiten Dienstsitz, der Villa Hammerschmidt, aus arbeitete.

Den Bundespräsidenten, der wegen einer Erkrankung seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt allein gekommen war, stört das schlechte Wetter aber nicht. "Ich denk mir jetzt die Sonne dazu", sagt er, als ihn Ministerpräsidentin Hannelore Kraft begrüßt. Außerdem wolle er ja nicht nur Glänzendes sehen.

Er spricht von NRW als dem Land, in dem es "so viel Strukturwandel gibt wie fast nirgendwo". Mit Innovations- und Integrationsbemühungen wolle er sich daher befassen. Vorher erhält er von Kraft noch Heinrich Heines "Französische Zustände" als Gastgeschenk. Gauck: "Das ist ja eine Überraschung. Sonst kriegt man immer einen Bildband." Kraft: "Ich glaube, Sie kennen Nordrhein-Westfalen schon ganz gut."

Es folgen ein Besuch im Landtag und am Mittag einer im Düsseldorfer Rathaus. Oberbürgermeister Dirk Elbers strahlt bei Gaucks Lob über den wirtschaftlichen Erfolg der Stadt, die offenen Kassen für die Kultur und eine engagierte Bürgerschaft. "Erzählen Sie davon", sagt Gauck. Elbers wird sich spätestens im nächsten Wahlkampf an die Worte des Präsidenten erinnern.

Am Nachmittag hört Gauck nur zu - einem Vortrag von Bottrops Oberbürgermeister Bernd Tischler. Der preist seine Kommune als Modellstadt in NRW. Vor zwei Jahren hatte Bottrop den Wettbewerb für die Klimastadt der Zukunft gewonnen, und nun sind Stadt, Wirtschaft und Bürger dabei, aus dem Konzept die Realität "InnovationCity Ruhr" zu machen. 14.500 Gebäude werden untersucht, 9000 Häuser besucht.

Das Ziel: Herausfinden, wo das größte Energiesparpotenzial ist. Schon bald sollen die Bottroper Konzepte auch als Blaupause für andere Städte dienen. Später sagt Gauck: "An diesem Projekt sieht man, dass es sich lohnt, wenn Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und die Stadt zusammenwirken."

Schon saniert ist die Bottroper Gartenstadt Welheim. Der 66-jährige Helmut Wienke wohnt hier in der Nähe von Zeche und Glaswerk seit seiner Geburt. "Früher haben wir mit Eltern und fünf Kindern auf 63 Quadratmetern gelebt", sagt er, "samstags wurde das Badewasser für alle Kinder heiß gemacht und anschließend davon noch Kaffee gekocht."

Typisch für das Leben im Ruhrgebiet. Es sei zwar hart gewesen, im Rückblick dennoch schön. Inzwischen wohnt Wienke mit Frau und einem Sohn auf 135 Quadratmetern. Den Bundespräsidenten sieht er mit seinem Freund Klaus Kopatz aus der Ferne. "Er strahlt Vertrauen aus, wir mögen ihn als Person und Politiker", sagt Kopatz über Gauck. Der ist derweil bei Familie Kronenberg zu Gast und lässt sich erklären, wie man heute im Revier lebt.

Viele der Bewohner haben ausländische Wurzeln. Im Duisburger Stadtteil Hochfeld sind es etwa 86 Prozent der Kinder unter zehn Jahren. Was woanders sozialer Brennpunkt genannt wird, das heißt in der traditionsreichen Industriestadt zwischen Rhein und Ruhr "Integrationsschmiede".

Eine davon: das Familienzentrum Immendal mit dem Kindergarten. Gauck klatscht erst einmal alle 23 Jungen und Mädchen ab, die in der Turnhalle sitzen. Ein Lied haben sie einstudiert, doch ein Junge will vorher noch etwas sagen. "Ich hab sie in der Zeitung gesehen", sagt er. Dann schallt "Guten Abend, guten Abend, wir winken Euch zu" durch den Raum. Kraft und Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link wippen gemeinsam mit Gauck zur Musik.

"Kein Kind zurücklassen", heißt das Projekt des Landes, an dem Duisburg teilnimmt und bei dem möglichst früh Hilfen gegeben werden, damit die Integration funktioniert. Ein dynamisches Land habe er gesehen, sagt Gauck am Abend. Und an einigen Ecken im Revier konnte der Bundespräsident auch rauchende Schlote sehen.

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