Doña Quichotte von Duisburg

Gabi Georgiou spendet 75.000 Euro an Marxisten-Partei

Die Grubenlichter sind aus, der Kampf geht weiter: Gabi Georgiou vor einer Seilscheibe, die Förderkörbe ans Tageslicht gezogen hat.

Die Grubenlichter sind aus, der Kampf geht weiter: Gabi Georgiou vor einer Seilscheibe, die Förderkörbe ans Tageslicht gezogen hat.

DUISBURG. Sie könnte eine Kreuzfahrt buchen oder sich einen Bungalow mit Blick auf die Ägäis kaufen. Sie könnte ihr Geld in Aktienfonds für sich arbeiten lassen oder es zumindest an den Kinderschutzbund spenden. 75 000 Euro lassen sich sehr vernünftig ausgeben.

Doch Gabi Georgiou hat ihr Erbe angelegt, wie es kaum ein anderer tun würde: Sie hat es komplett der Marxistisch-Leninistischen Partei überwiesen. Besuch bei einer Frau, die 2014 die höchste private Parteispende Deutschlands entrichtet hat.

Auf der Fahrt nach Duisburg macht man sich so seinen Kopf. Wie tickt wohl eine Bilderbuch-Linke, die so viel Geld übrig hat, dass sie 75 000 Euro einfach spenden kann? Man denkt an Oskar Lafontaine, an seine opulente, ockerfarbene Villa im Toskana-Stil, man denkt an Gerhard Schröder, an Brioni-Anzüge, Zigarren und viel teuren Rotwein. Und dann steht man vor Gabi Georgious sehr bescheidenem Reihenhaus in Walsum - Kraftwerksschlot im Hintergrund, Nippes auf der Fensterbank - und weiß: Eine Champagner-Sozialistin ist die 60-Jährige jedenfalls nicht.

"Oberbayern reicht mir", sagt sie, "ich gehe gern wandern, und das schaffen wir auch mit unserem jetzigen Budget." Sie weiß: Dass jemand das Erbe seiner Mutter an eine Partei spendet, und dann auch noch an die Marxisten, das passt nicht in eine Zeit der Konsumlust, Politikverdrossenheit und konservativen Mehrheiten. "Ich hab' das Geld ja nicht selbst erarbeitet", sagt sie achselzuckend, "was mehr soll ich mir noch kaufen?" Sie hat an ihre Spende keine Bedingungen geknüpft, sieht aber Handlungsbedarf an allen Ecken.

Georgiou ist quasi Berufsrevolutionärin. In der Gelsenkirchener Zentrale der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) ist sie dafür zuständig, dass der Kampf der Malocher gut verwaltet wird; draußen, auf dem Schlachtfeld des Kapitalismus, steht sie Bergleuten bei. Die stillgelegte Zeche Walsum liegt als Mahnmal direkt vor ihrer Haustür. Es ist ein Kampf, der nie endet: Ausgebeutete Arbeiter kommen für sie, so liegen die Dinge inzwischen, kaum mehr in Steigermontur daher, dafür oft im Schwesternkittel eines Krankenhauses. Dass es ihr nicht besser gehen muss als anderen, ist Teil ihrer Lebenshaltung - und hat durchaus Vorbilder. 2006 spendete der Millionär Michael May ein 2,5 Millionen-Euro-Erbe an die MLPD.

Schon Georgious Lebenslauf ist ungewöhnlich. Sie wächst in Wendlingen am Neckar auf, damals ein Provinznest. Bei einer Mai-Demo kommt sie mit der Kommunistischen Partei Deutschlands in Kontakt. "Wir haben nächtelang diskutiert", erinnert sie sich, "über eine Welt ohne Ausbeutung, die Freiheit der Arbeit. Diese tiefgehende Auseinandersetzung war toll." Früh hilft sie den Eltern, die eine Metzgerei im Ort führen, bei der Schufterei. Nach der Mittleren Reife macht sie eine Lehre - und wird erste Stahlbauschlosserin Baden-Württembergs. Baut bei Kässbohrer in Ulm Heizungen in Busse ein, macht nach Feierabend Liegestütze, um die schweren Werkstücke tragen zu können. Sie sagt, trotz allem: "Eine schöne Zeit!"

Vor 20 Jahren ist Gabi Georgiou nach Duisburg-Walsum gezogen - wegen der Zeche, der Bergleute, die sie unterstützen wollte. Von der SPD, die hier stark war, hat sie sich nicht vertreiben lassen. Das hat ihr Respekt eingebracht, mehr allerdings auch nicht. Als sie sich Anfang der Neunziger im nahen Dinslaken zur Bundestagswahl aufstellen ließ, gab es enormen Zuspruch. Nach einer Studie der Freien Universität Berlin glauben fast 40 Prozent der Bundesbürger, dass Kapitalismus zu Armut und Hunger führe. "Es gibt ganz viele, die sagen: Gut, dass es euch gibt", bilanziert Georgiou, "aber das drückt sich nicht in Wählerstimmen aus." Keiner setzt auf Kandidaten mit Mini-Siegeschancen. Und so verlief Georgious Bundestagskarriere im Sande.

Die SPD hat unterdessen Zehntausende Wähler in Duisburg verloren. Das Opel-Werk in Bochum ist dicht. Bergleute gibt es kaum noch, die vorletzte NRW-Zeche schließt dieses Jahr. Statt stolzen Arbeitern zählt Duisburg 33 000 Arbeitslose - die Quote liegt bei 13 Prozent. Gabi Georgiou ist immer noch da, kämpft immer noch für die große Arbeiteroffensive, die Revolution. "Betriebe kann man abwickeln", sagt sie, "aber nicht die Arbeiterklasse." Die Masse der Lohnabhängigen wachse, die Konflikte blieben.

Für Gabi Georgiou wird es nun höchste Zeit: Am Hauptbahnhof beginnt die Montagsdemo. Seit elf Jahren steht sie hier bei Wind und Wetter, meist mit einer Handvoll anderer Einzelkämpfer. Nur wenn etwas Schlimmes passiert, sind sie Anlaufstelle für viele Besorgte: "Nach dem Fukushima-Unglück kamen 2000 Bürger zur Montagsdemo." Seit den jüngsten Spaziergängen der Duisburger Pegida hat Gabi Georgiou einen greifbaren, ideologischen Gegner in der Stadt. Kapitulieren, sie? Niemals.