1200 Plätze fehlen

Frauenhäuser in Bonn und Köln seit Jahren überlastet

Die Dunkelziffer ist hoch: Jede vierte Frau hat laut Studien in ihrem Leben Gewalt erlitten, aber nur 20 Prozent der Betroffenen haben darüber gesprochen.

Die Dunkelziffer ist hoch: Jede vierte Frau hat laut Studien in ihrem Leben Gewalt erlitten, aber nur 20 Prozent der Betroffenen haben darüber gesprochen.

Bonn. Bis zum Jahr 2022 sollen in Nordrhein-Westfalen 50 neue Plätze in Frauenhäusern entstehen. Laut Istanbul-Konvention müssten es jedoch 1200 sein. Ein Blick auf die Einrichtungen in der Region.

Der gefährlichste Ort für Frauen ist immer noch ihr eigenes Zuhause“, sagt Eva Risse. Sie arbeitet seit 1985 im autonomen Frauenhaus „Frauen helfen Frauen“ in Bonn. Insgesamt gibt es in diesem Haus 22 Plätze – 13 für Frauen und neun für Kinder. Im Frauenhaus von „Hilfe für Frauen in Not“ stehen weitere 20 Plätze zur Verfügung.

Der Bedarf ist allerdings seit Jahren um ein Vielfaches höher. „Im Jahr 2017 mussten wir allein in unserem Haus 413 Frauen abweisen“, sagt Risse. In ganz Nordrhein-Westfalen waren es 2016 5888 Frauen. Laut der Istanbul-Konvention, der Deutschland 2017 beigetreten ist, stünden allein der Stadt Bonn 85 Plätze zur Verfügung – also rund die doppelte Menge. Der völkerrechtliche Vertrag schafft verbindliche Rechtsnormen gegen Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt. Auf seiner Grundlage sollen sie verhütet und bekämpft werden.

„Bisher haben wir noch keine Veränderung gemerkt. Aber wir sind froh, dass erstmalig auch die Bundesregierung mit Ministerin Franziska Giffey Verantwortung übernimmt.“ Wenngleich die Zeitplanung für Risse ernüchternd wirkt: „Da wird bereits jetzt vom Jahr 2022 gesprochen, aber wir brauchen die Plätze jetzt. Viele Frauen haben einfach keine Zeit, um auf Hilfe zu warten“, betont sie. Die Belegungsquote im Bonner Haus Frauen helfen Frauen liegt seit zehn Jahren zwischen 95 und 100 Prozent. „Damit wir aber wirklich als Zufluchtsstätte fungieren könnten, dürften es maximal 75 Prozent sein“, so Risse.

Viel Frauen bekämen Plätze in mehr als 100 Kilometer Entfernung vermittelt. „Das ist oft nicht möglich. Entweder wegen der Arbeitssituation oder wegen Kita- und Schulplätzen der Kinder. Außerdem braucht man gerade in solchen Situationen sein soziales Umfeld“, sagt Eva Risse. Besonders das Warten sei für die Frauen sehr gefährlich. Das sieht auch Claudia Schrimpf vom Verein „Frauen helfen Frauen“ in Köln. „Wenn die Frauen zu uns kommen, haben sie leider schon sehr lange Gewalt ertragen müssen. Viele kommen mit akuten Todesängsten zu uns.“

Und auch in Köln sieht die Situation nicht entspannter aus als in Bonn. Im Gegenteil. Die beiden autonomen Frauenhäuser haben insgesamt Platz für 20 Frauen und 27 Kinder. „Allein im Jahr 2017 mussten wir 700 Frauen weitervermitteln“, sagt Schrimpf. Seit Jahren seien die Häuser immer voll belegt. Betroffene werden dann mit Hilfe des Infonetzes in NRW (www.frauen-info-netz.de) an andere Häuser vermittelt. „Aber die physische und psychische Gewalt hat in den vergangenen Jahren nicht merklich abgenommen. Es werden immer noch täglich Menschen misshandelt, und die aktuellen Zahlen zur häuslichen Gewalt sind erschreckend“, findet Schrimpf.

Das Signal seitens der Bundesregierung lässt die beiden allerdings hoffen: „In der Vergangenheit mussten wir mit Bund, Ländern und Kommunen über eine entsprechende Finanzierung sprechen. Der eine hat immer auf den anderen verwiesen“, sagt Claudia Schrimpf. Ihr Wunsch wäre eine komplette Bundesfinanzierung. Denn aktuell müssen Frauen in Bonn und Köln einen Tagessatz bezahlen. Bei „Frauen helfen Frauen“ in Bonn sind es sieben Euro. In den Kölner Häusern wird der Tagessatz anhand des Einkommens ermittelt und kann bei bis zu 78 Euro liegen.

Bis 2022 sollen in NRW 50 neue Plätze entstehen. Laut Istanbul-Konvention fehlen derzeit 1200 Plätze.

Weitere Informationen und Hilfe unter www.frauen-info-netz.de.