Kommentar zur Dieselkrise

Flucht nach vorn

Volkswagen lockt mit Umtauschprämien als Wiedergutmachung für die Dieselkrise. Foto: dpa

Volkswagen lockt mit Umtauschprämien als Wiedergutmachung für die Dieselkrise. Foto: dpa

Frankfurt/Main. Der Umgang der Autoindustrie mit der Dieselkrise ist fragwürdig, findet unsere Autorin Brigitte Scholtes. Verantwortung sieht ihrer Meinung nach anders aus.

Die Autohersteller treten die Flucht nach vorn an – und hübschen ihre alten Umweltprämien-Pakete zum Teil auf. Das kostet sie Millionen, wenn die Kunden denn zugreifen. Die bisher angebotenen Rabatte sollten ja der Förderung der Elektromobilität dienen. Nun aber sollen die Kunden auf eigenen Kosten etwas verbilligt ein neues Auto kaufen. Das bringt den Autobauern dann nicht den eigentlich eingeplanten Gewinn – aber doch einen Profit.

Verantwortung für die Dieselkrise sieht anders aus. Die Kunden haben schließlich in gutem Glauben ihre Dieselautos gekauft – in der Hoffnung, diese lange fahren zu können. Nun aber wissen sie seit drei Jahren, dass das ein Trugschluss war. Und das gilt nicht nur für VW: Wöchentlich werden neue Details bekannt, wie auch andere Hersteller geschummelt und betrogen haben.

Die neuen Angebote würden es den Kunden ermöglichen, ein wenige Jahre altes Auto durch ein neues, schadstoffärmeres zu ersetzen – und das zum Teil sogar günstiger, heißt es bei VW. Die Wolfsburger haben dazu eine Rechnung aufgemacht, dass man einen neuen Golf um einige Euro günstiger finanzieren könne als einen wenige Jahre alten. So will man die Kunden locken. Doch weiter geht man nicht.

Wirkliches Entgegenkommen wäre es, wenn die Hersteller die Nachrüstungskosten bezahlten. Denn im Tausch für die alten Diesel werden zum Teil auch Diesel der Norm Euro 6 – und nicht der modernsten, umweltfreundlichsten angeboten. Zu Recht kritisieren Experten das als Konjunkturprogramm für die Branche.

Aber auch die Politik hat nicht entschieden genug gehandelt. Drei Jahre hatte sie Zeit, mit den Herstellern eine vernünftige Lösung zu finden. Stattdessen weiß sie gegen das „Totschlagargument“ der vielen Jobs, die bei strengerem Agieren verloren gingen, keinen Rat. Die Politik sollte der Autoindustrie Vorgaben machen. Das fördert die Kreativität und Innovationskraft.

Nun aber hat es die Branche lange Jahre verschlafen, sich auf die neuen Gegebenheiten einzurichten. So überlässt sie womöglich das Feld den chinesischen Herstellern, die viel schneller Elektromobile auf den Markt bringen können. Die Politik hat es außerdem unterlassen, die Infrastruktur dafür zu fördern. Das gilt vor allem für Ladesäulen. Denn noch ist es mehr als mühsam, sich in dem Geflecht der unterschiedlichsten Anbieter zurechtzufinden und eine längere Strecke ohne größere Probleme zu bewältigen.

Außerdem wäre ein intelligentes Verkehrskonzept nötig, das die verschiedenen Verkehrsträger miteinander vernetzt. Und schließlich die Verbraucher: Die ordern munter weiter große SUVs. Auch die Kunden müssen etwas zur Klimaverbesserung beitragen. Die Hersteller bieten ihnen diese Fahrzeuge an, weil sie guten Gewinn damit machen. Aber da muss sich wohl jeder Autofahrer selbst fragen, ob das nötig ist.