Weihnachten 1914

Ein bisschen Frieden

Bonn. Entlang der Westfront kommt es an mehreren Abschnitten zu spontanen Verbrüderungen und Fußballspielen im Niemandsland zwischen den Schützengräben. In der Heimat hängen am Weihnachtsbaum Bomben und Zeppeline.

An ein Flackern in der Dunkelheit, daran erinnerte sich der britische Gefreite Frederick W. Heath irgendwo an der Westfont im klammen Schützengraben. Das Licht kam von den gegnerischen Linien - in tiefschwarzer Nacht und mitten im festgefahrenen Stellungskrieg ein Signal, das sofort gemeldet werden musste.

Noch während Heath die Nachricht an diesem Weihnachtsabend 1914 weitergibt, geht auf dem Rand des deutschen Schützengrabens ein Licht nach dem anderen auf. Ein Deutscher ruft: "English soldier, a merry Christmas, a merry Christmas." In einem am 9. Januar 1915 in der britischen "North Mail" erschienenen Artikel schreibt der Soldat: "Überall in unserer Linie hörte man Männer, die den Weihnachtsgruß des Feindes erwiderten. Wie konnten wir dem widerstehen, uns gegenseitig schöne Weihnachten zu wünschen?"

Man rief sich übers Niemandsland hinweg Grüße und Segenswünsche zu. Nach einigem - und verständlichem - Zögern verließen die Gegner, die gestern noch mit Scharfschützen und Artillerie einander nach dem Leben getrachtet hatten, ihre Stellungen. Man habe sich die Hand gegeben, Zigaretten und Adressen getauscht, erinnert sich Heath. Die Briten hätten den Deutschen sogar vom heiligen "Christmas Pudding" angeboten. "Nach dem ersten Bissen waren wir Freunde für immer."

Der sogenannte Weihnachtsfrieden, im Englischen "Christmas Truce", mit spontanen Verbrüderungen an etlichen Stellen der Westfront, die in Feldpostbriefen und Presseartikeln kolportiert und bis zur Unkenntlichkeit ausgeschmückt wurden, zählt zu den rührendsten und bizarrsten Episoden jenes mörderischen Krieges, der eigentlich, so die Propaganda im deutschen Kaiserreich, zu Weihnachten 1914 bereits siegreich beendet sein sollte.

Vier Monate lang dauerte schon das Töten und Sterben an den Fronten im Westen und Osten, 160.000 britische Soldaten, 300.000 Franzosen und ebenso viele Deutsche waren zu dem Zeitpunkt bereits gefallen, Tausende davon in ihren Schützengräben erfroren. Die Front im Westen hatte sich von Nieuwport an der Nordsee bis zur Schweizer Grenze auf einer Länge von mehr als 600 Kilometern festgefahren. Quer durch Belgien und im Osten Frankreichs lagen sich die Gegner tief eingegraben in nur wenigen Hundert Metern Entfernung schon seit Monaten bei Wind und Wetter gegenüber.

Zeitgenössische Fotografien zeigen die stumpfen Blicke jener dick gekleideten und offenbar dennoch ewig fröstelnden jungen Männer, die sich noch im August freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatten und dann in Zugwaggons mit Hurra an die Front gereist waren. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, an den Weihnachtstagen 1914 von einer gewissen Kriegsmüdigkeit und Friedenssehnsucht auf beiden Seiten der Front auszugehen.

Der Offizier Kurt Zehmisch vom sächsischen Infanterieregiment aus Plauen hatte am Heiligabend Dienst in seinem Frontabschnitt bei Ypern. In sein Tagebuch notierte er, wie seine Männer im Schützengraben bis zu den Knien im Wasser standen. Die Stimmung war gedrückt. Für die Weihnachtstage befahl er, nur im Notfall von der Waffe Gebrauch zu machen. Dann ergriff er die Initiative, kam durch lautes Rufen mit den Briten ins Gespräch.

Vorsichtig krabbelten die Gegner aus ihren Gräben. Waffenruhe. "Hier wurde eine eigene soldatische Kultur, ein Eigensinn der gegenseitigen Verständigung erkennbar, der sich nicht auf nationale Feindbilder ausrichten ließ, sondern die verbindende Erfahrung des Stellungskriegs und die Desillusionierung über seine Bedingungen widerspiegelte." Das schreibt der Historiker Jörn Leonhard,

Weihnachten an der Front: Die Oberste Heeresleitung hatte zwecks Hebung der Moral in der Truppe eine Woche vor dem Fest für die deutschen Soldaten kleine, mitunter geschmückte, zusammenklappbare Tannenbäume bis in die vordersten Frontabschnitte liefern lassen. Viele Soldaten bekamen Päckchen und Weihnachtspost von ihren Familien.

Jeder britische Soldat erhielt ein Paket von König George V. mit einer "Princess Mary Box", darin Schokolade, Gebäck, Zigaretten und eine Grußkarte der Prinzessin. "May God protect you and bring you home safe", lauteten die Wünsche des Königs, möge Gott dich schützen und sicher nach Hause bringen.

In der Heimat stimmten sich die Familien auf die erste Kriegsweihnacht ohne ihre Väter und Söhne ein. Der Schriftsteller Theodor Wolff berichtet am 24. Dezember aus Berlin vom "Gedränge in vielen Läden, besonders in den großen Kaufhäusern" und davon, dass sein Appell, die Kinder bescheidener als sonst zu beschenken, "damit sich das 'Kriegsweihnachten' ihnen einpräge", nicht gefruchtet habe. Noch kennt die Heimat keine materielle Not.

Es wird viel geschenkt, nur anders: Hoch im Kurs stehen "Soldatenweihnachtskisten", Uniformen in "Feldgrau" und Bleisoldaten. An den Weihnachtsbäumen hängen in etlichen Stuben zwischen reichlich Lametta Bomben, Kanonen und Zeppeline. Über Feldpostbriefe und einzelne unzensierte Presseartikel erfährt die Heimat von den spontanen Fraternisierungen an der Westfront.

Es wird von Fußballspielen zwischen Schotten und Sachsen im Niemandsland berichtet. Hunderte Soldaten sollen insgesamt am Weihnachtstag zwischen den Fronten gekickt haben. Der Film "Merry Christmas" (2005) mit Benno Führmann und Daniel Brühl erinnert an die Verbrüderungen.

Verbrieft ist, dass der Kammersänger Walter Kirchhoff, der im Stab des Oberkommandos der V. Armee Ordonnanzoffizier war, im vordersten Graben des Regiments 130 Weihnachtslieder gesungen habe. Kronprinz Wilhelm schrieb in seinen Erinnerungen über Kirchhoff: "Er berichtete mir nächsten Tages, dass einzelne Franzosen auf ihre Brustwehren geklettert wären und so lange Beifall geklatscht hätten, bis er noch eine Zugabe hinzufügte. Hier hatte das Weihnachtslied mitten im bitteren Ernst des heimtückischen Grabenkrieges ein Wunder gewirkt und von Mensch zu Mensch eine Brücke geschlagen."

In der Times wurde ein Brief eines deutschen Leutnants Niemann veröffentlicht: In seinem Sektor bei Frelinghien-Houplines, Teil des Arrondissements Lille in Nordfrankreich, hätten Engländer gegen Deutsche Fußball gespielt, Deutschland habe 3:2 gewonnen. Nicht weit davon entfernt, bei Fleurbaix unweit von Armentières, sollen deutsche Landser ihre geschmückten und beleuchteten Tannenbäumchen auf die Brustwehren gestellt haben - als Friedenszeichen für die britischen Gegner.

Statt Granaten flogen Schokoladenkuchen von Graben zu Graben. Woanders trafen sich Westfalen und Franzosen, Hannoveraner und Briten zwischen den Linien zum weihnachtlichen Plausch. "Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen", schreibt Josef Wenzel vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment 16 an seine Eltern.

Captain Sir Edward Hulse von den Scot Guards berichtet, wie sich "Scots and Huns", die Deutschen wurden als Hunnen bezeichnet, nach Kräften verbrüderten, man Geschenke austauschte und einander Familienfotos zeigte. Michael Jürgs hat in seinem Buch "Der kleine Frieden im Großen Krieg" viele Episoden zusammengetragen, darunter auch eine, bei der britische Einheiten die Weihnachtsstimmung in eine Kriegslist ummünzen, den Deutschen "drei Choräle, dann fünf Runden Feuer" präsentieren wollten. Der perfide Plan wurde durchkreuzt, es fiel kein Schuss in der heiligen Nacht.

Wie viele Soldaten genau in den Genuss des Weihnachtsfriedens an der Westfront gekommen sind, man geht von rund 100.000 aus, ist ebenso ungeklärt, wie die Rolle der Offiziere dabei war. Ließen sie 1914 wohl großteils die Verbrüderungen zu, drohte die Leitung Weihnachten 1915 mit disziplinarischen Maßnahmen. Der Weihnachtsfrieden 1914 blieb einzigartig. In den folgenden Jahren war an Kriegspausen zu Weihnachten nicht einmal mehr zu denken.

Vom Chronisten Frederick W. Heath ist nichts Weiteres bekannt. Als sein Artikel am 9. Januar 1915 erschien, war von Weihnachtsfrieden keine Spur mehr. Die Kampfhandlungen wurden entlang der Front in unverminderter Härte wieder aufgenommen. Ob Heath den Krieg überlebt hat, weiß man nicht.