March of Science in Bonn

Ein Zeichen gegen Fake News

„Steht auf für die Wissenschaft“, forderten Demonstranten im Februar in Boston.

„Steht auf für die Wissenschaft“, forderten Demonstranten im Februar in Boston.

Bonn. Beim "March for Science" wollen am Samstag weltweit Menschen gegen die Wissenschaftsfeindlichkeit demonstrieren – auch im Bonner Hofgarten.

Wo im Oktober 1983 Hunderttausende für Frieden und Abrüstung und gegen den Nato-Doppelbeschluss protestierten, soll am kommenden Samstag wieder ein Zeichen gesetzt werden: Auf der Bonner Hofgartenwiese ist mit dem „March for Science“ eine Demonstration für wissenschaftlich gesichertes Faktenwissen als Grundlage für Gesellschaft und Demokratie geplant. Kein lokales Phänomen: Weltweit gehen am „Earth Day“ (Tag der Erde) Menschen in mehr als 500 Städten gegen Wissenschaftsfeindlichkeit auf die Straße, in den USA und Europa, aber auch in Brasilien, China oder Nigeria.

„Wir wollen für etwas einstehen“, betont Andrea Bauer, die mit einem Team aus sieben Gleichgesinnten die Bonner Veranstaltung organisiert hat. Der 34-Jährigen geht es um die Wissenschaft, die Freiheit der Forschung, faktenbasiertes Wissen und unabhängige Information. „Das ist ein hohes Gut für die demokratische Gesellschaft.“ Allerdings sieht sie dies in Zeiten der Fake News, in denen sich der Ton in der gesellschaftlichen Debatte verändere, in Gefahr. Die Veranstalter betonen, dass die Demonstration überparteilich und nicht von Institutionen getragen ist. So ist Bauer zwar Vorsitzende der Bonner Grünen, hier aber privat engagiert.

Die Idee der Kundgebungen für Wissenschaft und Forschung entstand Ende vergangenen Jahres in den USA als Reaktion auf die „De-Demokratisierung“ des öffentlichen Diskurses durch den neuen US-Präsidenten Donald Trump, wie es Bauer beschreibt. Der US-Präsident ignoriert die Wissenschaft bestenfalls, schlimmstenfalls lehnt er sie offen ab. „Das Konzept der Erderwärmung wurde von und für Chinesen geschaffen, um die amerikanische Produktion wettbewerbsunfähig zu machen“, schrieb er einmal auf Twitter. Eine Abkehr von der Klimaschutzpolitik seines Vorgängers Barack Obama leitete er bereits per Dekret ein.

Ende Januar demonstrierten weltweit Millionen Menschen für Frauenrechte und gegen Trump. Diesem Vorbild folgten Mitte Februar Hunderte Forscher in Boston und gingen für die Anerkennung der Wissenschaft und gegen den US-Präsidenten auf die Straße. „Steht auf für die Wissenschaft“ hatten sie auf ihre Plakate geschrieben, oder „Echte Fakten, falscher Präsident“. Am Samstag soll mit dem Protest nun eine breite Öffentlichkeit erreicht und dafür eingestanden werden, dass wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses nicht verhandelbar sind, wie es auf der Internetseite der deutschen Organisatoren heißt. Landesweit sind 21 Städte oder Regionen dabei, von Berlin bis München, Hamburg oder Helgoland.

Auch Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar wirbt für einen offenen und kritischen Dialog und unterstützt die Aktion. In sozialen Netzwerken, wie etwa den Kanälen der rechtspopulistischen AfD, sei die Konstruktion eigener Wahrheiten zu beobachten, sagte er der „Berliner Zeitung“. „Viele dieser Plattformen meiden die wirkliche Kontroverse, den zivilisierten Austausch. Was sie anbieten, sind Spiegelbilder der Nutzer und das Echo des Gedankenguts“, so Yogeshwar. Das führe dazu, dass die Wirklichkeit verzerrt werde „und dass Fake News entstehen“.

Die Bonner Veranstaltung auf der symbolträchtigen Hofgartenwiese ist die größte in Nordrhein-Westfalen. „Alle Hochschulen stehen hinter uns, sowohl personell als auch ideell“, sagt Mitinitiatorin Bauer. Hinzu kommt eine breite Unterstützung von wissenschaftlichen Institutionen wie dem Deutschen Akademischen Austauschdienst oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Mit der weltweiten Aktion solle ein „weithin sichtbares Zeichen für die Freiheit und den Wert der Wissenschaften“ gesetzt werden, betont der Bonner Universitätsrektor Professor Michael Hoch. „Wir treten ein für ein weltoffenes, pluralistisches Wissenschaftssystem, für faktenbasierte Information statt Fake News, für wissenschaftlichen Austausch statt Abschottung.“ Ebenso wie der Kölner Unirektor Professor Axel Freimuth wird er bei der Veranstaltung im Hofgarten, die am Samstag von 12 bis 15 Uhr dauern soll, sprechen. Die Initiatoren laden dazu alle ein, nicht nur Wissenschaftler. „Wir erwarten uns eine Zuhörerschaft über den Tag hinaus“, sagt Bauer. „Wir wollen den Mut zum Hinterfragen in die Gesellschaft bringen.“