Wahlen in den USA
Ein Mormone im Weißen Haus?
WASHINGTON. Während einer Bürgersprechstunde im US-Bundesstaat Wisconsin Anfang April nahm Romney den Falschen dran. Der Mann erkundigte sich eindringlich, wie er es mit einigen kritischen Aspekten seines Glaubens halte. "Entschuldigung, aber ich glaube nicht, dass wir hier eine Diskussion über meine Religion haben", raunzt Romney den Fragesteller ungehalten an. "Aber wenn Sie etwas wissen wollen ..." Der Mann will. "Halten Sie es für eine Sünde, wenn ein weißer Mann eine Schwarze heiratet und Kinder zeugt?" Die Miene des Strahlemanns verfinstert sich weiter. "Nein. Nächste Frage."
Romney fühlt sich erkennbar unwohl in seiner Rolle als vermutlich bekanntester Vertreter der 14 Millionen Angehörigen der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (Church of Jesus Christ of the Latter Day Saints, auf englisch LDS, auf deutsch HLT). Eine religiöse Minderheit, die in den USA lange verfolgt war, heute aber zu den am schnellsten wachsenden Glaubensgemeinschaften weltweit gehört. Dazu hat auch der Kandidat beigetragen, der als Student französisch büffelte, um für zwei Jahre freiwillig in Frankreich auf Missions-Einsatz zu gehen.
Den säkularen Franzosen versuchte Romney die Lehren seines Propheten und Religionsgründers Joseph Smith nahezubringen. Dieser hatte die geniale Eingebung, die christliche Heilsgeschichte in Amerika fortzuschreiben. Laut Entstehungs-Mythos führte der Engel Moroni Smith 1823 zu den "Goldenen Tafeln" in der Nähe seines Elternhauses im US-Bundesstaat New York. Darauf fand er das "Buch Mormon", das Smith angeblich über sechs Jahre übersetzte, bevor er die Platten dem Engel Moroni zurückgab.
Das heilige Buch der Mormonen macht die USA zum gelobten Land, "das über alle anderen Länder erhaben ist". Smith Offenbarung verlegt die zweite Wiederkunft Christi nach Missouri, dem neuen Garten Eden und macht Amerika zum Ort, an dem Gott die Christenheit erneuert. Amerikanischer Exzeptionalismus ist für die LDS-Mitglieder keine politische Weltanschauung, sondern religiöse Überzeugung.
Romney schweigt sich über die Details seiner Religion aus, die weder von Protestanten noch von Katholiken als "christlich" anerkannt, dafür aber von vielen als "Kult" gebrandmarkt wird. Wenn Reporter Interviews zum Thema anfragen oder konkret nachhaken, werden sie von Mitarbeitern des Pressestabs oft mit der Frage abgespeist: "Würden Sie so etwas über Juden schreiben?" Dahinter verbirgt sich die Sorge, Vorbehalte gegen den Glauben des ehemaligen Bischofs und Führers der großen Mormomen-Gemeinde von Boston könnten ihm bei einer knappen Wahl entscheidende Punkte kosten. Nicht zu unrecht, wie eine aktuelle Umfrage der Meinungsforscher von Gallup zeigt.
Von der säkularen Linken bis zur religiösen Rechten sitzt das Unbehagen über einen potentiellen LDS-Anhänger im Weißen Haus tief. Demnach geben 18 Prozent der Befragten an, ihre Stimme nicht einem qualifizierten Bewerber ihrer eigenen Partei zu geben, wenn es sich um einen Mormonen handelt.
Romney versuchte das Thema beim ersten Anlauf auf das Weiße Haus 2007 in einer Grundsatzrede aus der Welt zu schaffen. Statt ungewöhnliche Praktiken wie die nachträgliche Taufe von Verstorbenen, das Tragen "magischer Unterwäsche", die offiziell verbotene Polygamie oder das Verbot von Genussstoffen wie Kaffee, Tabak und Alkohol positiv aufzugreifen, versuchte Romney seinen Glauben zu einer "christlichen Religion" zu erklären. Darauf verzichtete er bei seinem Auftritt kürzlich an der "Liberty University" in Virginia, als er vor den Absolventen der christlichen Fundamentalisten-Schmiede "gemeinsame Werte" hochhielt.
Die Strategie Romneys, so wenig wie möglich über Details seines Glaubens zu sprechen, könnte nach Ansicht von Religions-Wissenschaftler Stephen Prothero aufgehen. "Religion ist heute auf Moral reduziert." Und da verlaufen die Grenzen wie in der Politik: zwischen Liberalen und Konservativen.
Dass die Mormonen ihrerseits große Hoffnungen mit Romneys Kandidatur verknüpfen, lässt sich an den Nachwahl-Umfragen der Primaries ablesen. Die Mormonen standen fast geschlossen hinter ihrem Glaubensbruder. In Utah, Arizona und Nevada um die 90 Prozent-Marke herum. Die offene Frage bleibt, was er im Gegenzug dafür liefern wird, falls er tatsächlich im Weißen Haus ankommt. Hier bleibt Romney den Amerikanern eine Antwort schuldig.
Die USA als "Heiliges Land"
Das Mormonentum gehört zu den religiösen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Mormonen glauben an die Worte der Bibel und eine weitere Offenbarung: das Buch Mormon. Der Amerikaner Joseph Smith veröffentlichte die Texte 1830. Die Schrift lehnt ab, dass der Mensch im Grunde sündhaft sei.
Die USA gelten als "Heiliges Land". Den Mormonen sind Familienbeziehungen heilig, Kinderreichtum ist ein Segen. Homosexualität, Abtreibungen sowie vor- und außereheliche Sexualität werden abgelehnt.
Offiziell heißt die größte Religionsgemeinschaft, die sich auf das Buch Mormon beruft, "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (HLT). Es gibt noch rund 70 weitere Gruppierungen.
Die große Mehrheit der weltweit mehr als zehn Millionen HLT-Mitglieder lebt in den USA. Das Zentrum der Gemeinschaft ist seit 1847 Salt Lake City.
Artikel vom 09.07.2012


