Anschläge in Barcelona

Ein Ferienland unter Schock

Ein bewaffneter Polizist bewacht den Platz in Cambrils, wo Polizeischüsse in der Nacht zu Freitag die mörderische Aktion von fünf Terroristen stoppten.

Ein bewaffneter Polizist bewacht den Platz in Cambrils, wo Polizeischüsse in der Nacht zu Freitag die mörderische Aktion von fünf Terroristen stoppten.

Madrid. Nach dem verheerenden Anschlag in Barcelona wird der mutmaßliche Attentäter Moussa Oukabir möglicherweise bei einer weiteren Attacke in Cambrils von der Polizei erschossen. Geplant waren offenbar weitere Terrorakte.

Die Terrorspur von Barcelona führt in den kleinen nordspanischen Küstenort Alcanar in der Provinz Tarragona. Dort, 200 Kilometer südwestlich der katalanischen Mittelmeer-Metropole, flog einen Tag vor der mörderischen Horrorfahrt durch Barcelona die mutmaßliche Bombenwerkstatt der islamistischen Terroristen in die Luft. Dies verhinderte offenbar, dass das Terrorkommando einen oder sogar mehrere rollende Sprengsätze in Spaniens Tourismus-Hochburg Barcelona zünden konnten.

Deswegen, so vermutet die Polizei, schritten sie zu einem heimtückischen Plan B: Ein Tag später, am Donnerstagnachmittag, raste einer der Terroristen mit einem Lieferwagen über die berühmte Rambla Barcelonas.

Zwischen den Trümmern jenes Wohnhauses, das am Mittwochabend, um 23.17 Uhr, in Alcanar in die Luft flog, fand die Polizei wenigstens 20 Butangasflaschen. 24 Stunden später verdichteten sich Hinweise für die Ermittler, dass jene Terrorserie, die Barcelona und Stunden später den Badeort Cambrils erschütterte, mit Alcanar, einem kleinen Küstenort mit 10 000 Einwohnern, in Verbindung steht.

Haftbefehl für möglichen Bombenbauer

Die Hypothese lautet, dass die Terroristen bei der unvorsichtigen Manipulation des Bombenmaterials die Explosion verursachten. Und dass mit den Bomben ein oder mehrere Fahrzeuge präpariert werden sollten.

Nach dem Einsturz des Einfamilienhauses in Alcanar wurden zwischen den Trümmern zwei Leichen gefunden, es könnte sich um die sterblichen Überreste der Bombenbauer handeln. Ein weiterer möglicher Terrorist des Bombenverstecks in Alcanar liegt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen.

Am Donnerstag gegen 16.50 Uhr, so registrierten es die Überwachungskameras auf der Rambla, war ein weißer Fiat-Lieferwagen an der Plaza de Cataluña auf die Rambla-Allee eingebogen. Im Fußgängerbereich, in der Mitte der Allee, gab der Fahrer Gas und überrollte nach Polizeiangaben „mehr als einhundert Menschen“. Der Kripochef der nordspanischen Region Katalonien, Josep Lluís Trapero, sagte, dass der Fahrer versucht habe, „die größtmögliche Zahl von Menschen zu töten“. Etwa einen halben Kilometer lenkte der Terrorist sein tödliches Gefährt in Schlangenlinien über die Fußgängerzone. „Viele Menschen sprangen zur Seite“, berichtete einer der Blumenhändler, der seine Sträuße auf der Rambla anbietet. „Andere flogen durch die Luft.“

Opfer aus vielen Nationen

Touristen vieler Nationen sind unter den Todesopfern, darunter auch Deutsche. Unter den Verletzten sind Opfer aus vermutlich 34 Staaten. Schließlich krachte der Wagen gegen einen Kiosk und kam wenig später zum Stehen. Der Terrorfahrer sprang heraus und verschwand. Am Steuer saß offenbar Moussa Oukabir, dessen Alter mit 17 oder 18 Jahren angegeben wird. Der junge Marokkaner ist der jüngere Bruder von Driss Oukabir (28), der Stunden sich Stunden nach dem Attentat von Barcelona stellte und festgenommen wurde.

Die Papiere von Driss Oukabir wurden im Terrorfahrzeug gefunden. Seiner Aussage zufolge wurden seine Papiere von seinem Bruder gestohlen und dann benutzt, um zwei Lieferwagen zu mieten. Dabei handelt es sich um das Terrorfahrzeug von Barcelona und um einen zweiten Wagen, der im 70 Kilometer entfernten Vic sichergestellt wurde.

Spur führte nach Cambrils

Auf der Flucht durch Barcelona kaperte Moussa Oukabir möglicherweise am Donnerstagabend ein Fahrzeug und erstach den Fahrer. Mit Sicherheit weiß man nur, dass ein Wagen am Stadtrand eine Polizeisperre durchbrach, wo es zu einer Schießerei kam. Als die Polizei das Fahrzeug untersuchte, fand sie die Leiche des Autobesitzers – aber auf dem Beifahrersitz und mit Stichwunden.

Von Barcelona führte die Blutspur noch in der Nacht zum Freitag weiter zum Ferienort Cambrils, der 130 Kilometer südwestlich von Barcelona liegt. Dort wollte in der Nacht zum Freitag ein fünfköpfiges Terrorkommando ein weiteres Massaker begehen. Gegen 1.15 Uhr am Freitagmorgen gelingt es der Polizei an der Promenade und in der Nähe des Hafens von Cambrils mit einem quergestellten Streifenfahrzeug ein Fahrzeug zu stoppen, das gerade mehrere Menschen überrollt hatte. In dem Wagen saßen fünf Männer, alle trugen Sprengstoffgürtel, die sich später aber als Attrappen erwiesen.

Terrorzelle soll hinter der Attentatsserie stecken

Die fünf Terroristen versuchten noch, aus dem Wagen zu kommen, vier von ihnen wurden durch Polizeischüsse in der Nähe des Fahrzeugs niedergestreckt. Nur einer der fünf schafft es, einige Hundert Meter weiterzuflüchten und mehrere Menschen auf der Strandpromenade mit einem Messer zu verletzen. Dann wird auch er durch Schüsse aufgehalten. Alle fünf Terroristen sterben. Einer von ihnen könnte – nach noch unbestätigten Berichten – Moussa Oukabir, der Todesfahrer von Barcelona sein. Auch in Cambrils sind Opfer zu beklagen: Eine Frau wurde getötet und sechs Menschen verletzt.

Inzwischen geht man davon aus, dass eine größere Terrorzelle hinter der Attentatsserie steckt. Wenigstens drei mutmaßliche Terroristen, durchweg marokkanischer Abstammung, wurden am Freitag von der Polizei gesucht. Alles junge Männer.