Welternährungsprogramm

Drei Krisen gleichzeitig, aber kaum Spenden

Gescheiterter Staat: Ein Soldat in der somalischen Hauptstadt Mogadischu nach einem Angriff auf das Parlamentsgebäude.

BONN. Mit drei schwersten humanitären Krisen gleichzeitig stehen die internationalen Hilfsorganisationen derzeit vor einer bisher nicht dagewesenen Herausforderung.

"Mit den Krisen in Syrien, Südsudan und Zentralafrika haben wir drei Katastrophen, die auf der internationalen Skala auf Stufe drei eingeordnet sind - das ist die höchste Kategorie", erklärt Ralf Südhoff, Deutschland-Vertreter des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP).

"Anfang des Jahres kamen die Philippinen noch dazu, weil die Nachwehen des Taifuns so dramatisch waren. So viele schwerste Katastrophen gleichzeitig - das gab es überhaupt noch nie."

Für Hilfsorganisationen wie das WFP ist das nicht nur eine enorme logistische Herausforderung. Es fällt vor allem schwer, die Mittel zu mobilisieren, die nötig sind, um Hilfe zu leisten.

"Die Regierungen sind überfordert, und die privaten Spender ohnehin." Für Syrien, Südsudan und Zentralafrika finden Hilfsorganisationen laut Südhoffs Einschätzung kaum Spender. Auf Naturkatastrophen reagieren die Menschen spontan, anders als auf Not, die durch kriegerische Auseinandersetzungen hervorgerufen ist.

"Und es mangelt auch an Bildern", sagt Südhoff und nennt als Beispiel die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika 2011. "Da gab es über Monate trotz schlimmster Auswirkungen der Dürre kaum Spenden. Erst als die dramatischen Bilder der somalischen Flüchtlinge kamen, die Kenia erreicht hatten, liefen die Spenden an." Auch jetzt gebe es kaum Bilder, es sei fast unmöglich, Journalisten nach Zentralafrika oder Syrien zu bringen.

In Syrien kommt dazu: Die Lage ist unübersichtlich, und es ist keine Lösung in Sicht. "Das motiviert natürlich nicht." Dabei gehe völlig unter, dass allein das WFP in Syrien vier Millionen Menschen unterstütze, und weitere drei Millionen in den Nachbarländern.

"Das bedeutet: Wir können und müssen in den drei Krisengebieten insgesamt über zehn Millionen Menschen unterstützen, haben aber in keiner der drei Krisen annähernd die Mittel, die wir dafür benötigen. Das ist derzeit unser Hauptproblem."

Abhilfe ist nicht in Sicht. "Es verbreitet sich eine gewisse Gebermüdigkeit", sagt Südhoff. "Derzeit fehlen dem WFP rund zwei Milliarden Dollar für die drei genannten Krisen - eine unfassbar große Summe."

Im Südsudan stehe nur ein Drittel der benötigten Mittel zur Verfügung, allein in den nächsten sechs Monaten würden dort mindestens 250 Millionen Dollar benötigt. Für Syrien fehle für dieses Jahr noch mindestens eine Milliarde Dollar, in der Zentralafrikanischen Republik seien es mehrere hundert Millionen.

Für Südhoff ist klar: Die humanitäre Hilfe muss sich grundlegend verändern. "Dass wir mit drei solchen Krisen gleichzeitig konfrontiert werden, ist kein einmaliges Ereignis, das wird sich wiederholen." Noch Anfang der 90er Jahre habe das WFP zwei Drittel seines Budgets für mittel- und langfristige Programme eingesetzt, nur ein Drittel für Nothilfe.

"Mit Ende des Kalten Krieges und mit dem offenbar einsetzenden Klimawandel, mit der Explosion der Wetterdesaster, der Taifune, der Dürren, der Überschwemmungen, hat sich das umgekehrt." Die Nothilfe, so Südhoffs Schlussfolgerung, muss sich reformieren: "Wir müssen künftig mehr als bisher Nothilfe mit Wiederaufbauhilfe, Entwicklungshilfe, dem Aufbau von Widerstandsfähigkeit etwa gegen Dürren verzahnen."

Für Südsudan hat eine Geberkonferenz in Oslo 600 Millionen Dollar Unterstützung versprochen. Damit, so der norwegische Außenminister Børge Brende, fehlen immer noch 200 Millionen Dollar, um den dringendsten Bedarf zu decken. Entscheidend sei ohnehin, was am Ende tatsächlich auf den Konten der Helfer landet, sagt Südhoff: "Sehr häufig ist das ein Drittel weniger als eigentlich zugesagt."