Rede des russischen Präsidenten

Die Schmerzen des Herrn Putin

MOSKAU.  Spötter hatte es viele gegeben, im Vorfeld seiner großen Rede, der ersten, seit Wladimir Putin auch formal wieder der wichtigste Mann im russischen Staate ist, dieser "Präsidenten-Botschaft", bei der der 60-Jährige die programmatischen Punkte seiner sechsjährigen Amtszeit an die beiden Kammern des Parlaments, an Hunderte Vertreter aus den Regionen und die Kirchen, an das Volk richten wollte.
'Wir dürfen uns als Nation nicht verlieren': Russlands Präsident Wladimir Putin.
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'Wir dürfen uns als Nation nicht verlieren': Russlands Präsident Wladimir Putin. Foto: dpa

Was er wohl am 12.12. um 12.12 Uhr sagen würde, witzelten die Blogger. Wie wird er sich bewegen, fragten sich die Moderatoren und die Kommentatoren. Ist er nun wieder gesund, der große Lenker? Was macht sein Rücken? Was die Durchsetzungskraft? Putin kam, nahm einen Schluck aus der weißen Tasse an seinem Stehpult im Großen Kremlsaal - und sagte nichts. Nichts von Belang, obwohl er 83 Minuten sprach.

Es sollte um Perspektiven gehen, um große Zielsetzungen seiner Politik. Über Perspektiven aber habe er bereits alles in seinen Zeitungstexten noch vor der Wahl im März gesagt. Sagt Putin nun, bevor er dann doch noch ausholt. Das Russland des 21. Jahrhunderts müsse ein souveräner, einflussreicher Nationalstaat voller geistiger Reife sein. "Wir dürfen uns als Nation nicht verlieren." Damit hapere es jedoch, stellt der Präsident fest. "Es schmerzt mich, das zu sagen, aber unserer Gesellschaft fehlt die geistige Stütze."

Genau die sei für die "Wiedergeburt des Nationalstolzes" notwendig und müsse vor allem an den Schulen mit passendem Geschichtsunterricht, mit richtiger Berichterstattung in den Medien und in den Sommerlagern an den "verantwortungsvollen, aktiven, engagierten, moralisch-denkenden Träger traditioneller russischer Werte" gebracht werden. Er appelliert an den "Mut" und die "Selbstaufopferung der Helden", spricht von "russischer Demokratie als Macht des russischen Volkes mit seinen eigenen Traditionen, die nicht von außen auferlegt werden" und zeigt sich besorgt um das "Aussterben der Nation".

Das tut er bereits seit Jahren. Wie er auch seit Jahren - seit bald 13 ist er an der Macht - das Bild erfolgreich zu verkaufen versteht, er habe das Land auf die Beine gestellt und ihm Zuversicht zurückgegeben. Dass eben seine Politik für Verdruss sorgt, ignoriert er geflissentlich und redet lieber über Kinder. Auch sein Vorgänger, der jetzige Regierungschef Dmitri Medwedew hat das stets gern getan.

Die ideale Familie sieht Putin so: Drei Kinder sollen zur "Norm" werden, in der eigenen Wohnung leben, genügend Geld besitzen durch einen Job, der zufrieden macht, in der Hauptstadt wie auch in den weit entfernten Regionen, reisen können auf ausgebauten Straßen und wohltätig dem eigenen Land und dem eigenen Volk dienen. Geradezu banale Formeln, die das Ausmaß der Probleme im Land auf wunderbare Weise offenlegen: Russlands Bevölkerung schrumpft, die gut Ausgebildeten ziehen ins Ausland, in den weit entfernten und strukturschwachen Regionen herrscht Perspektivlosigkeit.

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