Rechtsextremistische Gewalt in den USA

Die Schande von Charlottesville

Ein Rechtsextremer setzt in Charlottesville Pfefferspray gegen einen Teilnehmer einer Gegendemonstration ein. Verletzte und ein Todesopfer sind die Bilanz der Ausschreitungen.

Ein Rechtsextremer setzt in Charlottesville Pfefferspray gegen einen Teilnehmer einer Gegendemonstration ein. Verletzte und ein Todesopfer sind die Bilanz der Ausschreitungen.

Charlottesville. Beim Aufmarsch von Rechtsextremen und deren Angriffen gegen Demonstranten im US-Bundesstaat Virginia schaut die Polizei großteils nur zu. Ein 20-Jähriger rast mit einem Wagen in eine Menschenmenge. Trumps Reaktion bleibt unscharf.

Wenn Orrin Hatch dem Präsidenten öffentlich vors Schienbein tritt, dann muss es wirklich ernst stehen. „Wir müssen das Übel beim Namen nennen“, polterte der für seinen unerschütterlichen Gleichmut bekannte republikanische Senator aus Utah am Samstagabend, „mein Bruder hat nicht sein Leben im Kampf gegen Hitler gegeben, damit hier zu Hause Gedankengut der Nazis ohne Widerstand akzeptiert wird.“ Was Hatch nach dem tödlich geendeten Aufmarsch mehrerer Hundert gewalttätiger Rechtsextremisten in der beschaulichen Universitätsstadt Charlottesville in Virginia parteiübergreifend mit anderen Politprominenten von Hillary Clinton bis Ted Cruz vom Stapel ließ, war eine direkte Replik auf Donald Trump.

Anstatt die blutigen Ausschreitungen vor einer geplanten Demonstration an einem symbolisch aufgeladenen Denkmal aus Zeiten des Amerikanischen Bürgerkrieges und die Amokfahrt eines 20-jährigen Ultranationalisten, der mit seinem Auto mit Absicht in eine Gruppe von Gegendemonstranten raste, messerscharf zu verurteilen, beklagte Trump unscharf einen „Ausbruch von Hass, Fanatismus und Gewalt auf vielen Seiten“.

Die nachsichtige Wortwahl wurde umgehend als Absolution interpretiert. Richard Spencer, Galionsfigur des ethnisch-nationalistischen Sammelbeckens der „Alt-Right“-Bewegung, lobte Trump ausdrücklich. David Duke, ehemals Führer des durch Lynchmorde berüchtigt gewordenen Rassisten-Verbandes Ku-Klux-Klan, sagte im Beisein dieser Zeitung: „Das hier heute ist der erste Schritt, zu dem, was Donald Trump versprochen hat – wir holen uns Amerika zurück.“ Rassismuswächter wie das anerkannte Southern Poverty Law Center in Alabama warfen Trump vor, seit Langem den geistigen Boden für Rechtsextremisten zu bereiten.

Mary Sullivan hatte die Katastrophe, der beim Absturz eines Hubschraubers, der die Zusammenstöße aus der Luft beobachtet hatte, auch zwei Polizisten zum Opfer fielen, kommen sehen. Die Kinderkrankenschwester war schon im Juli vor Ort, als die Kapuzenträger vom Ku-Klux-Klan an der Reiter-Statue von Südstaaten-General Robert E. Lee im „Emancipation“-Park in Charlottesville aufbegehrten.

Der Rat der 50 000 Einwohner-Stadt hatte im Frühjahr mit knapper Mehrheit entschieden, dass die Symbolfigur der im Bürgerkrieg unterlegenen Konföderierten (also der Befürworter der Sklaverei) abmontiert und verkauft wird; eines von rund 1000 Denkmälern dieser Art im ganzen Land. Dagegen laufen Klagen der Rechten.

„Die Stimmung war schon damals gewalttätig. Den Leuten ging es nicht um General Lee. Sie suchten einen Vorwand, um ihr spalterisches Gedankengut vorzuführen.“ Wie Sullivan ist auch Raymond Malloy am Samstag in die beschauliche Innenstadt gekommen. Er hatte die Geschichte vom Vorabend gehört. Neonazis stürmten mit Fackeln den Campus der örtlichen Universität, skandierten Parolen wie „Ihr Juden werdet uns nicht ersetzen“ und „Blut und Boden“ und droschen auf Gegendemonstranten ein.

Was der pensionierte Lehrer für Jugendliche dann aus einiger Entfernung mit ansehen musste, machte an europäische Auseinandersetzungen zwischen rechts und links gewöhnte Beobachter vor Ort sprachlos. Wie bei einem Stillhalteabkommen sahen Nationalgardisten, lokale Cops und Vertreter der Bundesstaatspolizei weitgehend passiv zu, wie sich mit Helmen, Schutzschildern, Latten, Fahnenmasten, Tränengas-Granaten und Pfefferspray-Dosen bewaffnete Rechte und Linke auf offener Straße attackierten. Dazwischen ging, grotesk an sich, hin und wieder nur eine 30-köpfige Miliz, die in Camouflagekleidung und schwer bewaffnet aus New York angereist war. Die Brutalität macht selbst vor am Boden liegenden Menschen keinen Halt. „Ein Wunder, dass hier niemand gestorben ist“, sagte eine dem Getümmel entkommende Fotografin der britischen „Daily Mail“.

Wenige Minuten später spitzte sich der Tumult zu. Die Polizei blies die gerichtlich genehmigte Demonstration kurzerhand ab und drängte die Rechtsextremen zum Verlassen des Schauplatzes. Was folgte, war ein Spießrutenlaufen mit blindwütigen Prügeleien und Schreigefechten.

Ein junger Ultrarechter, dem das Blut das Gesicht herunterlief, sagte, was viele dachten: „Die Cops haben uns reingelegt. Sie haben uns um das Recht der freien Rede gebracht. Aber macht euch auf was gefasst: Wir kommen wieder.“ Richard Spencer, der Posterboy der Alt-Right-Bewegung, der in Charlottesville studiert hat und die Stadtoberen „widerliche Kriecher“ und „Dreckskerle“ nannte, bestätigte das später: „Wir machen diese Stadt zum Zentrum des Universums.“

Wir, das sind neben waschechten Hakenkreuz-Nazis und obskuren Staatsverächtern auch Leute wie Shane Gadbury. Der 38-jährige Inhaber eines Geschäfts, das sich auf die Beseitigung von Ungeziefer spezialisiert hat („pest control“), hat 15 Stunden Autofahrt aus Iowa auf sich genommen, um in Charlottesville zu demonstrieren.

Die Statue von Lee ist ihm gleichgültig. „Wir Weißen werden in diesem Land diskriminiert und schikaniert, darum bin ich hier“. Woher er das hat? „Donald Trump hat ein Ventil geöffnet. Er steht für uns ein. Seine 'America First'-Politik ist genau nach meinem Geschmack.“

Unter denen, die am Mittag das Weite suchen, das belegen Handy-Video-Aufnahmen auch dieser Zeitung, ist ein pausbäckiger Typ mit Dreitage-Bart, weißem Polo T-Shirt, Khakihose und dem gut erkennbaren Holzschild mit den gekreuzten Äxten auf der Vorderseite vor der Brust: James Alex Fields, Sympathisant der rechtsextremistischen Gruppe „Vanguard America“. Was der 20-Jährige, der aus dem 900 Kilometer entfernten Toledo (Ohio) stammt, danach tat, schockiert das ganze Land.

Mit seinem Dodge-Charger-Sportscar pflügte der in sozialen Netzwerken als Hitler- und Nazi-Verehrer bekannt gewordene Mann gegen 14 Uhr über die enge 4. Straße in der Innenstadt von Charlottesville mit 70 Kilometern in der Stunde in eine Gruppe linker Gegendemonstranten, verletzte fast 20 Menschen, darunter die 32-jährige Anwaltsgehilfin Heather Heyer tödlich.

„Es war wie in einem Action-Film“, gaben Augenzeugen dieser Zeitung erschüttert zu Protokoll, „Menschen flogen wie Puppen durch die Luft, überall Schreie und Blut.“ Nach seiner Amokfahrt legte Fields den Rückwärtsgang ein und versuchte zu fliehen. Wenige Meter später folgte die Festnahme. Polizeichef Al Thomas sprach von schwerem Totschlag. Fields wird an diesem Montag dem Haftrichter vorgeführt. Ihm drohen zusammen mit anderen Delikten weit über 20 Jahre Gefängnis. Über seine Motive ist offiziell bisher nichts bekannt.