Studie über bundesweite Kosten

Die Pflege ist in NRW am teuersten

BERLIN.  Die Pflege im Alter kann teuer werden, darüber sind sich viele im Klaren. Aber welche Dimensionen die Pflegekosten annehmen können, das wissen dann doch nur wenige. Erstmals hat die Barmer GEK Zahlen für ganz Deutschland vorgelegt.

Die am Dienstag veröffentlichte Untersuchung zeigt: Die Hälfte der Pflegebedürftigen kommt mit einem Eigenanteil von unter 2200 Euro aus. Für die andere Hälfte können es aber bis zu 300 000 Euro sein, vom Eintritt der Pflegebedürftigkeit bis zum Tod. Die gesetzliche und die private Pflegeversicherung decken nur einen Teil der Kosten ab, die entstehen, wenn ein Versicherter ambulante oder stationäre Pflege benötigt.

Außerdem steigen die Leistungen weniger stark als die Pflegekosten. Das heißt, dass die monatlichen Belastungen für Versicherte seit 1999 stetig gestiegen sind: Zahlten sie damals für einen Heimplatz je nach Pflegestufe zwischen 133 und 545 Euro aus eigener Tasche, sind es inzwischen 340 bis 780 Euro pro Monat.

Bezogen auf die gesamte Pflegezeit ergeben sich Durchschnittskosten für einen Pflegebedürftigen von 84.000 Euro bei Frauen und 42.000 Euro bei Männern. Die große Diskrepanz ergibt sich durch die längere Lebenserwartung von Frauen. Etwa die Hälfte davon übernimmt die Pflegeversicherung, einen geringen Prozentsatz auch die Sozialhilfe.

Auffällig sind die Kostenunterschiede zwischen den Ländern. Die teuersten Heimplätze liegen in Nordrhein-Westfalen, die günstigsten in Sachsen, wobei die östlichen Bundesländer - mit Ausnahme Berlins - alle billiger sind. Als Grund werden die niedrigeren Personalkosten genannt. Im bundesweiten Durchschnitt liegt das monatliche Heimentgelt zwischen 2000 und 2900 Euro, in NRW aber zwischen 2200 und 3300 Euro.

Die Studie bestätigte die Kritik an den Pflegenoten, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen für Heime vergibt. Auffallend sei die geringe Streuung bei den Noten gewesen, die Hälfte der Einrichtungen erhielt im Mittel die Note 1,2 und besser. Daher müssten die Prüfkriterien weiterentwickelt werden, um mehr Aussagekraft zu erhalten, forderte Heinz Rothgang vom Bremer Zentrum für Sozialpolitik.

Rothgang kritisierte auch die neue private Pflege-Zusatzversicherung, die mit einer staatlichen Förderung von 60 Euro im Jahr ab 2013 angeboten wird. Die Verordnung dazu soll heute das Bundeskabinett passieren. Rothgang sprach von einem "gefährlichen Produkt". "In zehn Jahren könnte sich zeigen, dass der Pflege-Bahr falsch kalkuliert ist", warnte der Wissenschaftler.

Die freiwillige Versicherung ist nach Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) benannt. Die Versicherungen dürfen beim Abschluss eines Vertrages keine Gesundheitsprüfung vornehmen.

Deshalb befürchtet Rothgang, dass vor allem Kunden mit großen gesundheitlichen Risiken, aber eher besserem Einkommen den "Pflege-Bahr" abschließen. Sozialpolitisch sei das der falsche Weg, weil damit kleine Einkommen die steuerliche Förderung der Gutverdiener mitfinanzieren würden.

Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorsitzender der Barmer GEK, sagte, es gebe aktuell ein Zeitfenster für eine Reform der Pflegeversicherung.

Nach der Studie wird die Zahl der Pflegebedürftigen weniger stark zunehmen als befürchtet. Liegen die Wachstumsraten noch bei drei Prozent, soll sich die Kurve bis 2050 auf 0,5 Prozent pro Jahr abflachen. "Wir sollten nichts dramatisieren."

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