Terror

Die Grauzone

Mit seinem Terror will der IS die europäischen Staaten zwingen, Muslime in Europa auszugrenzen.

Mit seinem Terror will der IS die europäischen Staaten zwingen, Muslime in Europa auszugrenzen.

27.03.2016 Kairo. Nun wird wieder allerorten kommentiert, dass die Attentate in Brüssel ein Anschlag auf die westliche Lebensweise und Freiheit seien.

Weniger beleuchtet wird ein anderes strategisches Ziel, das die Dschihadisten mit ihren Angriffen in Europa erreichen wollen, und das sie offen diskutieren. Ihnen geht es vor allem darum, in Europa eine Welt in Schwarz und Weiß zu schaffen. Jede Grauzone müsse eliminiert werden, fordern sie. Gemeint ist die Koexistenz zwischen Muslimen und Nichtmuslimen.

Ihr Ziel ist es, Europa zu polarisieren in der Hoffnung, die Muslime hier mit ihrer Hassbotschaft mobilisieren zu können.

Ausführlich wurde diese Idee schon nach den Anschlägen gegen die Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo im Februar letzten Jahres diskutiert. Muslime, die „der Grauzone angehören“, sollen ausgelöscht werden. Spätestens mit der Entstehung des Islamischen Staates und des Kalifats, wird in der IS-Internetzeitschrift Dabiq argumentiert, gebe es für Muslime keine Ausrede mehr, nicht am Krieg gegen die Ungläubigen teilzunehmen.

Der Aufbau des Kalifats hätte jedem Muslim das Gefühl gegeben, zu etwas Größerem zu gehören, heißt es dort. Ergo: Muslime, die sich in dieser Polarisierung neutral verhalten oder ihre Unabhängigkeit bewahren, werden als Sünder gebrandmarkt, als Abtrünnige.

Anschläge wie in Brüssel oder Paris haben also vorwiegend das Ziel, Europa zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu spalten und die Muslime zur Entscheidung zu zwingen, sich der Ideologie des IS anzuschließen. Dabei hoffen die Dschihadisten auch auf eine europäische Reaktion, die die in Europa lebenden Muslime ausgrenzt.

Der Führer des Islamischen Staates Abu Bakr al-Bagdadi hatte letzten Mai in einer Audio-Botschaft die Muslime weltweit aufgefordert, sich zu bewaffnen. Dabei hatte er auch auf einen einfachen Mechanismus hingewiesen.

Je mehr die Muslime ausgegrenzt werden, desto mehr werden sie anfällig für die Ideologie des IS. „Ihr werdet bald sehen, dass sie gegen alle Muslime vorgehen. Und wenn die Kreuzfahrer in den Ländern des Kreuzes die Muslime überwachen, verhaften und verhören, werden sie bald beginnen sie zu deportieren, sie werden tot sein, gefangen oder ohne Heimat“, erklärte Al-Bagdadi.“

Manche der IS-Aussagen finden bei rechtspopulistischen Bewegungen ihre Entsprechung, die Europa auch gerne in zwei Lager aufteilen und die die Muslime im Namen der Rettung des Abendlandes ausgrenzen wollen.

In diesem Sinne sind Bewegungen wie Pediga und die Ihren wahrscheinlich der beste Freund des Islamischen Staates in Europa. Und ein Online-Manifest des norwegischen Attentäters und Islamhassers Anders Breivig liest sich fast wie eine IS-Streitschrift von der andern Front im Kampf der Zivilisationen.

Die wichtigste politische Aufgabe Europas in seinem Streben nach Sicherheit vor dem dschihadistischen Terror ist es, nicht in die schwarz-weiß Falle zu tappen, die der IS ausgelegt hat und mit der er auf fette Rekrutierungsbeute hofft. Das beste Gegenmittel gegen das ideologische Gift des IS, bleibt die von ihr so verhasste Grauzone gelebter Koexistenz. (Karim al-Gawhary)