Wahlfrau für NRW in der Bundesversammlung: Die DDR kennt Linda Stahl nur aus Erzählungen | GA-Bonn

Wahlfrau für NRW in der Bundesversammlung

Die DDR kennt Linda Stahl nur aus Erzählungen

BERLIN.  Die Kölner Medizinstudentin und Europameisterin im Speerwurf war am Sonntag Wahlfrau für Nordrhein-Westfalen in der Bundesversammlung.

Angetan von der Lockerheit der Politiker: Wahlfrau, Studentin und Sportlerin Linda Stahl. Foto: Ulla Thiede

Eigentlich hat sie diesen Tag mal so dazwischengeklemmt - zwischen Training im Lager in Portugal, Vorbereiten der Doktorarbeit und wieder Training. Mit dem Kopf ist sie also eigentlich ganz woanders. Aber dann kam der Anruf von Dagmar Freitag, der SPD-Vorsitzenden des Sportausschusses im Bundestag, und die Wahl in die Bundesversammlung.

Linda Stahl, Medizinstudentin in Köln und Europameisterin im Speerwurf, ist eine der wenigen Nicht-Politiker unter den Wahlfrauen und -männern der 15. Bundesversammlung. Schon als sie am Samstag aus Köln/Bonn startete, erhielt sie einen Vorgeschmack auf das Ereignis. Eine Reihe vor ihr saß Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, und der neue FDP-Chef in NRW, Christian Lindner, war auch mit an Bord.

Die SPD hat ihre Wahlleute im Hotel Berlin untergebracht, nahe der CDU-Zentrale. Am Samstag ist die Sportlerin vom TSV Bayer Leverkusen nonstop verplant: Der Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck stellt sich im SPD-Sitzungssaal im Reichstagsgebäude vor. Linda Stahl: "Mir hat imponiert, wie er geredet hat. Sehr strukturiert und frei, witzig und unterhaltsam."

Gauck spricht von Freiheit und dass er den Menschen nicht nach dem Mund reden wolle. Stahl ist angetan, wie offen und locker die Politiker sind. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier lernt sie endlich persönlich kennen, er kommt aus dem Nachbardorf in Ostwestfalen, wo sie aufgewachsen ist. Abends macht die SPD Party im schicken "Goya"-Club in Schöneberg.

Am Sonntag dann: Linda Stahl geht mit in den ökumenischen Gottesdienst, in dem Prälat Karl Jüsten auch Altbundespräsident Christian Wulff dankt und sich in den Bänken ein paar Hände zum Klatschen regen. Aber Stahl will sich zur Causa Wulff nicht äußern. In Bussen werden die Wahlmänner- und -frauen in den Bundestag gefahren, wo sie noch einmal in ihren Fraktionssälen zusammenkommen.

Vier Jahre alt war Stahl, als die Mauer fiel. DDR, das ist für sie auch Doping im Sport, denn das hat ihr Trainer Helge Zöllkau erzählt, der von dort geflüchtet war. Aber das ist lange her. Für die 26-Jährige steht fest, dass sie Gauck wählen will, den Pastor aus dem Osten. Um 13.14 Uhr wird im Plenum des Bundestages ihr Name vorgelesen, sie sitzt in Reihe acht. Mit dem blauen Wahlausweis geht sie in den Ostflügel, wo die Wahlkabinen aufgebaut sind.

Etwas erschöpft steht sie am Ende beim Empfang für die Mitglieder der Bundesversammlung. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, Stahl begleitet ihr Bruder Nils.

"Im Nachhinein bedeutet mir der Tage mehr als vorher", sagt sie. Mit Gauck ist sie sich einig: Es war ein schöner Sonntag.

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