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Kollektiverlebnisse bei Fußball-EM
Deutschland einig Fanmeile
Von Kai Pfundt
Bonn. Die Fans feiern erneut Kollektiverlebnisse - auch weil der Fußball sich gewandelt hat: Er ist ästhetischer und weiblicher geworden.
In den Radiosendern läuft der Titel der "Toten Hosen" derzeit rauf und runter. Das Lied ist in Deutschland so etwas wie die inoffizielle Hymne der Fußball-Europameisterschaft geworden, es spiegelt das Lebensgefühl all derer wider, die, wie am vergangenen Freitag beim Viertelfinalspiel der deutschen Elf gegen die Griechen, sich auf den Fanmeilen treffen, beim Public Viewing in Fußballarenen oder Hallen oder beim "Rudelgucken" in Kneipen, auf öffentlichen Plätzen.
Über 400.000 vor dem Brandenburger Tor in Berlin, 15.000 vor der Kölner Lanxess-Arena, Tausende im Bonner Sportpark Nord. Und Millionen in Kneipen und auf den Straßen im ganzen Land. Die Sommermärchen wiederholen sich seit 2006, seit der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land, im Zweijahres-Rhythmus. Deutschland, eine einzige Fanmeile.
Zu denen, die das Viertelfinale auf der größten Bonner Public-Viewing-Bühne verfolgen, gehören Steffi Basten und Markus Lindner mit den drei Töchtern Lena, Eva und Hannah. "Wir haben noch kein Deutschland-Spiel zu Hause geguckt", sagt Markus Lindner. Die Kinder haben Deutschland-Fähnchen auf den Wangen, Lindner trägt ein Trikot der Nationalmannschaft. Fast alle Fans im Sportpark haben sich für den Anlass zurecht gemacht: Trikots, Fahnen, Halsbänder, Hüte, Schals - Schwarz-Rot-Gold und das Weiß des Nationaltrikots prägen das Bild. "Es macht einfach Spaß, sich mit den anderen Fans zu freuen, mitzufiebern oder auch mitzuleiden", meint Steffi Basten.
Mitfiebern, mitleiden, mitfreuen, in der Gruppe, mit Freunden oder Wildfremden: "Das Gemeinschaftsgefühl ist von entscheidender Bedeutung", erklärt der Potsdamer Sportpsychologe Andreas Marlovits den unwiderstehlichen Reiz, der die Anhänger zu Millionen mobilisiert. Die Nation sammelt sich öffentlich hinter ihrer Mannschaft, das daheimgebliebene Fan-Kollektiv hinter der Elf auf dem Platz, der zwölfte Mann im Team. Der Sportwissenschaftler Michael Schaffrath, Professor an der TU München, sieht im gemeinschaftlichen Fußballgucken sogar eine "Gegenbewegung zur Atomisierung und Individualisierung der Gesellschaft". Besonders für die jungen Medienprofis, die wie selbstverständlich ihre virtuellen Freundschaften in den sozialen Netzwerken pflegen, ist das "Rudelgucken" eine aufregende physische Gegenwelt zum virtuellen Leben bei Facebook und Co.
Und Schwarz-Rot-Gold gehört wie selbstverständlich dazu. "Natürlich hat das auch mit einem Nationalgefühl zu tun", bestätigt der Bonner Jörg Alshut, der mit Freunden in einer Innenstadtbar dem Viertelfinale entgegenfiebert. Was 2006 noch eine wochenlange landesweite Patriotismus-Diskussion auslöste, ist sechs Jahre später längst gelassene Routine - die Wimpel an den Autos, die Schwarz-Rot-Gold geschminkten Gesichter, die Fahnen und Trikots.
Wenn vor dem Spiel die Nationalhymne erklingt, erheben sich viele Jugendliche vor Fernsehern und Großbildleinwänden und singen mit. "Dieser Patriotismus ist vermutlich immer vorhanden", analysiert Jens Kleinert, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Bei einem solchen Turnier wird er aber ins Bewusstsein gespült. Das ist etwas sehr Gutes, ein Merkmal von kollektiver Identität, von Gemeinschaftsgefühl."
Die wenigen verbliebenen Warner und Mahner stehen angesichts der Euphorie und Partylaune als ideologische Spaßbremsen im Abseits. Der Jugendverband der Grünen, der seine Kampagne "Patriotismus? Nein Danke!" wiederbelebte, musste sich sogar aus den eigenen Reihen harsche Kritik anhören. "Wir erleben die EM als ein buntes und friedliches Fest unterschiedlicher Kulturen, das viele Grenzen überwindet", meinte etwa der hessische Junggrünen-Chef Benjamin Weiß, und mahnte eine "differenziertere Betrachtung" an.
Durch die Wandlung des Fußballs von einer Männerbastion - Rennen, Schweiß und Blutgrätschen - zu einer Eventsportart ist zudem die Geschlechtergrenze gefallen. Wie selbstverständlich streifen sich anno 2012 Frauen das Nationaltrikot über, das es längst auch in weiblichen Schnitten gibt, der Sportartikelindustrie sei Dank. "Der Fußball ist weiblicher, femininer geworden", sagt Sportpsychologe Marlovits. Er beobachtet eine "Ästhetisierung" des einstigen Männersports, die Frauen anspreche: Portugals Superstar Cristiano Ronaldo, der beim Torjubel das Trikot hochzieht und seine Bauchmuskeln zeigt, oder der deutsche Stürmer Mario Gomez, dessen Frisur auch nach 90 Minuten Gewühl im gegnerischen Strafraum noch sitzt. "Es gibt eine extreme Inszenierung des Körpers", so Marlovits, "die durch die technische Möglichkeit der Superzeitlupe noch verstärkt wird."
Darin liegt Gefahr und Chance zugleich. Denn das "Ursprüngliche des Spiels", Kampf und Körperlichkeit, müssten erhalten bleiben, meint Marlovits. Andernfalls könne die Zustimmung der Fans kippen. Andererseits ist Fußball, vor allem wenn die DFB-Elf spielt, längst ein Sportevent für die ganze Familie. "Alle, die mit dem Phänomen Fußball Geld verdienen, haben ein sehr massives Interesse am weiteren Erfolg der Nationalmannschaft", erklärt der Münchner Experte Schaffrath. Angesichts der üppig zur Verfügung stehenden Sponsorengelder und der vielen Talente im deutschen Fußball bestehen also gute Aussichten, dass die Serie der Sommermärchen weitergeht - schon 2014, bei der Weltmeisterschaft in Brasilien.
Public Viewing? Nein Danke!
Nein, so schnell wird sich Ingo Hain (38) nicht blicken lassen auf einer Fanmeile. Kein Interesse. Diese herzliche Abneigung gegenüber dem Rudelgucken in Schwarz-Rot-Gold hat gute Gründe. Insbesondere das Publikum stößt bei dem Kölner Diplom-Kaufmann auf wenig Gegenliebe. Inmitten dieses "jungen Eventpublikums", wie er es nennt, sei das konzentrierte Betrachten eines Fußballspiels schwerlich möglich.
"Man bekommt einfach zu wenig mit vom Spiel", meint der frühere Kreisliga-Fußballer. "Und eine Vor- und Nachberichterstattung gibt es nicht." Fußball und Fanmeile, das steht für den leidenschaftlichen Fan des 1. FC Köln fest, passe zusammen wie "Loddar" Matthäus und ein Trainerposten in der Bundesliga. Man komme kaum an Getränke dran, zudem sei der Gang zur Toilette ein einziges Abenteuer, meint Ingo Hain. Und auf sein geliebtes Bierchen will er nicht verzichten.
Zudem vermisst der Vater eines zehn Monate alten Mädchens die Familientauglichkeit in den Partyzonen. "Für Eltern mit kleinen Kindern wie meine Tochter Sophie ist das keine Alternative." So bevorzugt Hain die Fanzone in den eigenen vier Wänden, mit Familie, mit Kumpels. Zu Hause könne man sich die Spiele in aller Ruhe ansehen und darüber diskutieren, mit wahren Experten versteht sich. Als Alternative zum Heimspiel zieht es Ingo Hain hin und wieder in die Kneipe nebenan. Voraussetzung: reservierte (Sitz)-Plätze, möglichst in der ersten Reihe. Und eines darf dann gewiss nicht fehlen: ein kühles Kölsch.
Artikel vom 25.06.2012
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