Kommentar zum Staurekord in Bonn

Der Stau sind wir

Gewohnter Anblick: Stau am Bertha-von-Suttner-Platz in Bonn.

Gewohnter Anblick: Stau am Bertha-von-Suttner-Platz in Bonn.

Bonn. Verkehrspolitik braucht Pragmatismus und einen unvoreingenommenen Blick auf alle ihre Möglichkeiten. Auch das Klein-Klein muss aufhören, kommentiert Helge Matthiesen.

4,3 Tage steht der Bonner jedes Jahr im Stau, 104 Stunden. Das ist die höchste Zahl aller NRW-Städte und auch bundesweit ein Spitzenplatz. Wer regelmäßig in der Bundesstadt unterwegs ist, den wundert dieses Ergebnis nicht, denn es gibt bestimmte Straßenabschnitte, die sind eigentlich nie problemlos zu passieren.

Die Debatte über Lösungen ist ideologisch verhärtet. Wer eine ökologische Verkehrswende will, feixt über jedes Dieselfahrverbot und jede Fahrradspur, muss es doch erst ganz schlimm werden, damit sich irgendwann alles bessert und Bonn eine Stadt von glücklichen Radfahrern und Bahnkunden wird. Dass auch Rad und Bahn keine guten Alternativen sind: geschenkt.

Nicht minder problematisch endet der Versuch, mit neuen oder ausgebauten Straßen Entlastung zu schaffen. Wenn kleine, aber aggressive Bürgerinitiativen die Debatten anführen, knicken selbst konfliktbereite Politiker schnell ein und es geschieht einfach gar nichts mehr. Manche sinnvolle Planung kommt daher seit Jahrzehnten nicht voran. Noch mehr Verwirrung entsteht, wenn eine Seilbahn ins Gespräch kommt, die ein paar Probleme löst und dafür viele neue schafft. Auch hier wird nicht mehr sachlich Für und Wider abgewogen, sondern einfach aufeinander eingeprügelt. Kein Politiker mit gesundem Selbsterhaltungstrieb stellt sich freiwillig an die Spitze solcher Forderungen.

Das Ergebnis ist am Ende sonnenklar: Stau. Es geht einfach nichts mehr voran. Dafür wächst die Zahl der Pendler unaufhörlich weiter, denn bezahlbarer Wohnraum in der Nähe der Arbeitsplätze ist teuer und knapp. Wenn die Politik noch ein paar Jahre weiter so tut, als würden sich all diese Probleme irgendwann, irgendwie von alleine lösen, dann wird sich die Zahl der Staustunden in Bonn noch einmal verdoppeln.

Verkehrspolitik braucht eine neue Priorität. Die Politik muss endlich einmal tun, wofür sie gewählt ist: Probleme lösen. Dafür müssen ein paar ideologische Festlegungen weg. Verkehrspolitik braucht Pragmatismus und einen unvoreingenommenen Blick auf alle ihre Möglichkeiten. Auch das Klein-Klein muss aufhören.Die notwendigen Projekte liegen auf der Hand. Eine kleine Auswahl: Die Reuterstraße braucht Entlastung. Die wird sich nicht in den Seitenstraßen der Südstadt finden. Der Venusberg ist oft nicht erreichbar. Die Großkonzerne bekommen ihre Mitarbeiter nicht über den Rhein. Und die Bürger müssen besser mitziehen. Denn machen wir uns nichts vor: Wir Bonner stehen nicht im Stau. Wir sind der Stau.