Bundesumweltministerin im Interview

Das erwartet Barbara Hendricks von der Cop23

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in Berlin.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks in Berlin.

Bonn. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks spricht über ihre Erwartungen an Cop23, Wetterextreme und den Klimaschutz der Zukunft.

Fünfeinhalb Stunden Zugfahrt liegen zwischen Berlin und Bonn. Zeit um mit der Bundesministerin über ihre eigenen Erwartungen an die Weltklimakonferenz sowie Chancen und Pflichten des Klimaschutzes zu sprechen. Das Interview führte Sabrina Bauer.

Welche Erwartungen haben Sie an die Weltklimakonferenz in Bonn?

Barbara Hendricks: Ich habe die Erwartungen, dass wir tatsächlich weltweit das Signal aussenden, dass wir zusammenbleiben, dass wir gemeinsam gegen den Klimawandel kämpfen – mit den Möglichkeiten, die den Ländern jeweils zu Gebote stehen. Und dass wir uns nicht negativ beeindrucken lassen von der Entscheidung Trumps, aus dem Klimaabkommen aussteigen zu wollen.

Was kann der Staat leisten, was kann Deutschland tun im Kampf gegen den Klimawandel, was muss aber auch der einzelne Bürger tun?

Hendricks: Zunächst haben wir als Staat die Verpflichtung, die Rahmenbedingungen zu setzen, die es den Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, tatsächlich umweltfreundlicher und klimaschonender zu leben. Ein Beispiel: Es muss einen guten, öffentlichen Personennahverkehr geben, damit Menschen in der Lage sind, auf einen privaten Pkw zu verzichten. Das sind Dinge, bei denen Staat und Bürger zusammenspielen können, aber wir können nicht alles vom Bürger allein erwarten.

Ich predige keinen Konsumverzicht, sondern plädiere dafür, Möglichkeiten für anderes Konsumverhalten zu schaffen. Damit jeder sein alltägliches, ordentliches und hoffentlich auch gutes Leben führen kann, ohne gezwungen zu sein, „klimaschädlich“ unterwegs zu sein. Dennoch ist es sinnvoll, dass sich Bürgerinnen und Bürger ihrerseits überlegen, wie sie Verantwortung übernehmen können. Ich will niemandem vorschreiben, wie er leben soll. Aber ich will die Eigenverantwortung jedes Einzelnen stärken. Jeder kann bei seinem Handeln – sei es, Konsum oder Urlaubsplanung – darüber nachdenken, was für die Umwelt die beste Lösung ist. Man kann sich dann immer noch anders entscheiden und sagen, ich mache es trotzdem. Es ist ja nicht verboten.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Hendricks: Wenn man auf dem Land lebt und ohne Auto nicht mobil sein kann, dann kann man zum Beispiel darüber nachdenken, ob es wirklich so ein ganz großes, schweres Auto sein muss.

Die Jugendbotschafter, die im Zug mitgereist sind, haben ihre eigenen Klimaziele formuliert. Ein Punkt war, die Möglichkeiten des klimaneutralen Reisens zu fördern. Welche Vorgaben kann der Staat hierbei machen?

Hendricks: Das sehe ich nicht so, dass wir Vorgaben machen können, klimaneutral zu reisen. Als Vorgabe nicht, aber als Angebot. Wenn zum Beispiel die Deutsche Bahn AG, die jetzt auf dem Weg ist, weitgehend mit erneuerbarer Energie zu fahren und das weiter auszubauen, dann ist das gut. Es ist ein Bundesunternehmen, das gehört zu 100 Prozent dem Bund und die DB AG bietet das den Bürgerinnen und Bürgern an. Das heißt trotzdem nicht, dass wir die Leute zwingen, mit der Bahn zu fahren. Aber sie können es – wenn sie nicht irgendwo ganz abgelegen wohnen. Aber da müssen wir als Staat natürlich auch die Möglichkeiten schaffen, damit die Menschen, die es wollen, auch auf sinnvolle Art und Weise den nächsten Zug erreichen können.

Deutschland hat in letzter Zeit eine Reihe von extremen Wettersituationen erlebt. Wie stehen die Entwicklungen in Zusammenhang mit dem Klimawandel?

Hendricks: Zunächst muss man sagen, dass Wetter und Klima nicht dasselbe sind. Aber wir erleben Wetterphänomene, die es im Prinzip gibt, wie Starkregen oder Sturm, die aber durch den Klimawandel intensiviert werden und häufiger vorkommen. Natürlich sagen manche, Sturm und Starkregen habe es immer gegeben – aber nicht in diesem Umfang und nicht in dieser Intensität, wie wir es in den vergangen Jahren erlebt haben. Das erleben wir in Mitteleuropa. In anderen Ländern sind diese Wetterphänomene noch stärker ausgeprägt, mit Überschwemmungen oder Dürren. Dort ist es viel bedrohlicher, als in Mitteleuropa. Auch bei dem letzten Sturm hatten wir in Deutschland Todesopfer zu beklagen. Wetterphänomene, die es schon immer gab, wie beispielsweise El Niño, werden durch den Klimawandel bedrohlicher und zerstörerischer.

Klimaziel 2050: Was wäre ihre Idealvorstellung?

Hendricks: Wir haben schon als Bundesregierung beschlossen – das ist nicht nur meine persönliche Idealvorstellung –, dass wir zur Mitte des Jahrhunderts, also 2050, weitgehend klimagasneutral leben, wirtschaften und arbeiten wollen. Wir haben auch, und das ist tatsächlich ein großer Erfolg im Klimaschutzplan 2050, den verschiedenen Wirtschaftsbereichen ihre Verantwortlichkeiten zugeordnet: Verkehr, Landwirtschaft, Energie, Gebäudebereich, Industrie.

Wir haben klare Vorgaben gemacht für 2030 – allerdings noch keine ganz genau festgelegten Vorgaben für die 20 Jahre danach, weil sich die Technologie ändert und es Möglichkeiten geben wird, die wir heute noch gar nicht kennen können. Aber die Zielrichtung steht. Klimagasneutral bedeutet, dass wir dann keine fossilen Energieträger mehr haben werden und, dass sich die Mobilität im Prinzip ohne fossile Energieträger abwickeln muss. Wenn wir von weitgehend sprechen, dann darf eigentlich nur noch die Landwirtschaft Restmengen von Klimagasen produzieren – was biologisch auch kaum anders geht.